Januar

Hinweisschild Pronto Socorso

Möglicherweise enttäusche ich jetzt.

Mein erster Italienbericht kommt aus Deutschland. Warum? Weil wir mal wieder über die Alpen gefahren sind, hin zur zurückgelassenen Familie, zu den Freunden und all den Ärzten, mit denen wir ein appuntamento haben, damit sie uns anzapfen und abklopfen können.

Ist der italienische Wohnsitz kein Erstwohnsitz, also nur ein seconda casa, dann gibt es  keine Residenza und somit auch keine Tessera sanitaria, kein Versicherungskärtchen. Da wir diese Vorraussetzungen alle erfüllen, bleibt uns nur die Gesundheitskarte aus Deutschland, die wir, laut EU-Richtlinien einsetzen könnten. Dazu braucht es Arzttermine, die in der Regel nicht zeitnah zu den Beschwerden vergeben werden, und hat man einen, hat der Arzt möglicherweise keine Lust auf den bürokratischen Aufwand, oder keine Ahnung vom Procedere.

Das ist der Moment, in dem die Bedeutsamkeit von Beziehungen, also conoscenze, offenkundig wird.

Da sind die Dottoressa in der Nachbarschaft, die landhausbesitzenden Ärzte aus Deutschland und selbst der Geometra, der sich einst um die Wiederherstellung unseres Rustico gekümmert hatte, verfügt über Kontakte, die der körperlichen Wiederherstellung dienlich sein können.

Liegt etwas Akutes vor, weil man von der Leiter gefallen ist, die Hand in die Kreissäge kam oder das Herz mit Stillstand droht, dann ist das Pronto soccorso zuständig, die Notfallaufnahme in jedem Krankenhaus. Pronto ist mit schnell zu übersetzen, was relativ sein kann und die Wartezeit Stunden in Anspruch nimmt. Dann hat man in der Regel die Farbe Grün bekommen. Orange und insbesondere Rot haben den Vortritt. Eine umgekehrte Ampelsituation, der Verletzungsgrad bestimmt den Rang. Das ganze ist GRATIS und ich frage mich immer, beim Anblick der überfüllten Warteräume, wie das mit der Finanzierung hinhaut.

Auch wenn ich nicht den Großteil meines Lebens in Italien verbracht habe, so hoffe ich doch, dass sich die hiesige hohe Lebenserwartung mit einem brauchbaren Prozentsatz noch niederschlagen kann. Die Marken stehen diesbezüglich in der Statistik ganz weit oben …

 

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Frühlingserwachen mit Tulpen

Heute habe ich Tulpen gekauft. Nicht, um dem mehrwöchigen Grau in Deutschland einen stimmungsaufhellenden Farbtupfer zu verpassen, nein, um der guten Stimmung noch eins draufzusetzen … Ich bin zurück in Italien!

Schon beim Discounter bemerke ich die Entschleunigung. Die Kassiererin hat nicht schon das Wechselgeld in der Hand, bevor ich überhaupt alles im Einkaufswagen habe. Die Kollegin in Deutschland möchte nicht, dass ich nach Kleingeld suche, sie will, dass ich an ihrer Quote mitarbeite und offensichtlich verhält sich ein Großteil der Kundschaft kooperativ.

Ich verliere diese geforderte Schnelligkeit nach einer gewissen Abwesenheit, was sich auch beim Verkehrsverhalten niederschlägt. Genau genommen müssten ich und mein Auto in gewissen Abständen in ein Großstadttrainingslager mit Zusatzstunden für den Feierabendverkehr, insbesondere bei Dunkelheit und regennasser Fahrbahn.

Aber jetzt bin ich erst einmal wieder hier, die Tulpen liegen in Zeitungspapier eingewickelt auf dem Beifahrersitz und ich rolle entschleunigt unter einem stahlblauen Himmel durch eine Hügellandschaft, die im Januar durchaus frühlingshafte Spuren aufweisen kann.

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Ich bekam ein Buch geschenkt.

ERKLÄR MIR ITALIEN!

Ein Gemeinschaftswerk von Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo mit dem Untertitel:

Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?

 

Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich die Gebrauchsanweisung zu dieser aufgeworfenen Frage möchte. Möchte gar nicht aufgelistet bekommen, was alles zur Verzweiflung treiben kann. Mir reicht, was ich ohne Lektüre schon weiß, bzw. erleben darf.

 

Es gibt aber auch Momente, wo ich anerkennend mit dem Kopf nicke. Wo ich das Gefühl habe, da läuft etwas reibungs- und diskussionslos ab. Wie zum Beispiel das Rauchverbot. Das liegt zwar schon ein paar Jahre zurück, und entgegen meiner Befürchtungen wurden die Italiener mit ihrem beispiellosen, korrekten Verhalten sogar Vorreiter in Europa. Von heute auf morgen hingen die Verbotsschilder in allen betroffenen Örtlichkeiten und die Italiener, obwohl eher untypisch, hielten sich daran.

Seit dem 1. Januar nicke ich wieder anerkennend mit dem Kopf.

Die Plastiktüten in den Supermärkten sind per Gesetz biodegradabile e compostibile. Ob ich Gemüse oder Obst eintüte, das neue Material ist kompostierbar und braucht nicht mehr die zehn bis zwanzig Jahre, bis es verrottet ist. 1 Cent wird mir pro Tüte berechnet, da muss ich gar nicht drüber nachdenken, auch wenn andere Gedanken die Runde machen, ob sich da nicht wieder eine Vetternwirtschaft dahinter verbirgt. Für mich zählt der Nutzen für die Umwelt und … ich muss nie mehr Tüten für den umido- organico, den kompostierbaren Hausmüll kaufen!

Ist das jetzt eine Win-Win-Win-Situation?

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Februar

Heute habe ich mit meinen Enkelkindern geskypt. Ein Wikinger, ein Einhorn und eine Fee drängten sich auf unserem Bildschirm. Karneval am Rhein.
Als sie ihre Jutetaschen holten, um uns die Ausbeute vom Rosenmontagszug in die Kamera zu halten, sahen wir keinen Wikinger, kein Einhorn und auch keine Fee mehr. Sie verschwanden hinter prallgefüllten umweltfreundlichen Beuteln und ich fragte mich, ob die Freude über ein paar schwer ergatterte Bonbons nicht größer gewesen wäre.
Ich persönlich gehöre zu den Schunkelverweigerern. Brauche keine Tollität, die der fünften Jahreszeit vorsteht, ich versuche das ganze Jahr über ohne Pappnase lustig zu sein.
Hier in Italien mache ich eine Ausnahme. Wenn ich gerade im Lande bin, gehe ich gerne zu den dörflichen “sfilate di carnevale”. Es ist ein sympathisches Treiben ganz ohne Alkohol, aber dafür mit jeder Menge Konfetti, das die verkleideten Kinder immer wieder vom Boden aufkratzen und den Umzugswagen hinterherwerfen. Die werden von mächtigen Traktoren gezogen und weil die Zahl so übersichtlich ist, sind mehrere Dorfrunden eingeplant.
Spuren von Konfetti finde ich lange nach Aschermittwoch noch im Auto, in den Schuhen, in der Handtasche, in der Kapuze vom Mantel, in …

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Die Osterglocken haben ihren diesjährigen Auftritt schon so gut wie hinter sich. Hier in Italien blühen sie niemals zeitnah zur Eiersuche, können ihrem Namen also keine Ehre machen. Auf italienisch heißen sie TROMBONE, mit “Posaune” zu übersetzen, was immer sie auch rausposaunen mögen …

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Ich schaute mir gerade „Wunderschön – Süditalien“ aus der Mediathek an. Die Moderatorin saß mir in kurzen Ärmeln gegenüber und stieß den Satz „Italia che bella!“ aus.
Sie liebe dieses Land, … das blaue Meer, die kleinen Buchten, die luftigen Kleider, … endlich mal das stickige Zeug vom Leib!
Ich trage heute Stickiges und das werde ich auch noch die nächsten Wochen tun, denn auch in Italien gibt es einen Winter. Ein Winter, dem der Italiener nicht gerne mit Wärme trotzt. Ich friere in der Bar, in manchem Ristorante, im Wartezimmer des Zahnarztes, im Kino, im Theater, beim Töpferkurs, in Hotels und bei einigen italienischen Freunden, wenn sie zu dieser Jahreszeit zum Abendessen laden. Dann trage ich schon mal Skiunterwäsche …

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Im ganzen Haus riecht es nach Orangen.
Ich habe Marmelade gekocht. Marmeladekochen gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Im Winter sind die Orangen dran. Die kaufe ich beim „Sizilianer“, wenn montags im Dorf Markt ist. “Non trattate” steht auf der handgeschriebenen Pappe. Die Orangen sind unbehandelt und schmecken wunderbar. Wir essen sie roh, sie kommen in den Salat, es gibt Vorspeisen und Hauptgerichte, in denen sie eine Rolle spielen und ich zaubere Nachtische. Wenn sich der „Sizilianer“ Anfang April von mir verabschiedet, macht mich das ein bisschen traurig. Aber auch nur ein bisschen, denn dann kommt der Frühling …

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Heute gingen siebzehn Minuten von dreißig in den italienischen Nachrichten ans Wetter.
Es hat geschneit.
In Rom waren es zehn Zentimeter, die für den Ausnahmezustand reichten. Der öffentliche Verkehr brach zusammen, teilweise blieben die Geschäfte geschlossen, die Kinder hatten schulfrei und wer konnte, fuhr im Circus Maximus Schlitten. Eine Armada von Reportern kämpfte sich durchs Chaos, befragte frierende Menschen an den Bushaltestellen, Schnee schippende Ladenbesitzer, städtische Skilangläufer und interviewte schlechtgelaunte Autofahrer beim Anlegen der Schneeketten, wobei dem Gesagten nicht immer zu folgen war, wegen der Montageanleitung zwischen den Zähnen.
Unsere Nachbarn traf ich im Garten. Sie spielten mit ihren Kindern im Schnee. Keine Schule, kein Kindergarten und auch der Papa, der in einer „Carrozzeria“ arbeitet, blieb zu Hause. Der wird danach Überstunden machen müssen, nicht wegen der Abwesenheit aufgrund höherer Gewalt, sondern wegen all der Blechschäden, die die ungewohnten Straßenverhältnisse mit sich bringen.
Unsere Katze will nicht mehr raus. Ein Rotkehlchen hüpft völlig entspannt auf unserer schneefreien Terrasse. Ich habe Nüsse kleingehackt. Es soll ihm gut gehen …

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Ich habe eine Maus gekauft. Eine Spielmaus für die Katze. Seit die Landschaft unter Schnee begraben liegt, möchte sie nicht mehr raus. Unsere Katze mag keine Veränderungen. Schon gar nicht solch allumfassenden.
Mittlerweile langweilt sie sich im häuslichen Schutzraum. Wenn sie nicht auf meinem Schoß lungert, krallt sie sich in den leinenen Vorhängen fest. Die Maus ist ein voller Erfolg. Schoß und Vorhänge wurden entlastet.
Ich hätte auch ein Modell „Vogel“ bekommen können. Das hat mir etwas Entrüstung entlockt. Die Kaufentscheidung „Maus“ macht mir gerade ein schlechtes Gewissen …

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Drei Tage später …
Die Maus wurde fachgerecht zerlegt. Ich bin froh, dass die Schneeschmelze massiv eingesetzt hat! Die Katze auch …

März

Sorry, gerade abwesend!

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Der Schacht auf dem Foto ist ein Beispiel. Mein Mann hat für mehrere solcher Schächte auf dem Grundstück gesorgt.

Unsere Außenbeleuchtung ist ausgefallen. Das Haus lag im Dunkeln, als wir aus Deutschland wiederkehrten. Und nun tappt mein Mann im Dunkeln, wo denn der Fehler liegt. Grund ist auf jeden Fall die Wasser (Schneeschmelze, gefühlter Dauerregen), das hat die Verteilerdosen in den pozzetti geflutet. Aber welche?

Wir hätten auch auf totalen Stromausfall tippen können, denn bei uns kommt generell nicht die Strommenge an, die ankommen sollte. Das macht uns manchmal das Leben schwer. In zwei Photovoltaikanlagen und in eine Wärmepumpe haben wir investiert. Ist die Spannung im Netz zu schwach, schalten sich unsere stromproduzierenden Anlagen ab. Die schalten sich aber auch ab, wenn die Leitungen überlastet sind, weil in der Nachbarschaft zu wenig konsumiert wird. Dann ruft mein Mann mich an die Haushaltsgeräte. Waschmaschine, Spülmaschine, Bügeleisen, Backofen …

Heute Abend werde ich den Backofen allerdings anmelden müssen, damit ich die Lasagne für la cena reinschieben kann. Dafür muss die Wärmepumpe aus und die Bang&Olufsen darf keinen Ton mehr von sich geben. Während wir die Lasagne essen, dürfen wir wieder Musik hören …

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Heute bekam ich zum Frühlingsanfang eine WhatsApp aus Deutschland …

Bildergebnis für Ich bin absolut gegen Gewalt an Frauen aber Frau Holle bekommt bald eine aufs Maul

Hier in Italien schneit es zwar nicht (zumindest nicht bei uns in den Marken), aber die Temperaturen kann man ” im Keller” bezeichnen und der Regen dürfte auch mal nachlassen!

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Heute morgen hätte ich dann doch gerne die Adresse von Frau Holle …

 

 

 

 

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In Italien suchen die Kinder keine Ostereier. Das liegt vielleicht an den übergroßen Exemplaren, die ganz leicht zu finden wären und sich somit das Verstecken gar nicht lohnt. Das Riesen-Ei ist innen hohl und bietet Platz für eine kleine Überraschung, von dem so manches Kinderherz noch gar nicht wusste, dass es dafür schlagen sollte.

 

 

„Colomba pasquale“ heißt der Osterkuchen in Form einer Taube. Schmeckt wie der „Panettone“ zu Weihnachten, was an den identischen Zutaten liegt. Es ist also die Form, die den Unterschied macht. Wir könnten unserem Christstollen Ohren verpassen …

 

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Eiszeit

Die Glasplatte des winzigen Tisches klebte ein wenig. Deutlich konnte sie die beiden kreisrunden Spuren der letzten Eisbecher sehen. Man würde sie wegwischen. Es war jetzt ihr Tisch. Sie schaute sich um. Sie war nicht die Einzige, und sie hoffte, man würde wahrnehmen, dass auch sie in diesem Eiscafe saß.

Als Kind bemühte sie sich gar nicht, an solch eine Möglichkeit zu denken. Sie sehnte sich ja auch nicht danach, auf dem Mond Murmeln zu spielen. Es kam selten vor, dass die Eltern den Kindern ein Eis versprechen konnten. Dann aber stürmte sie mit den Geschwistern den gläsernen Tresen. Sie standen auf Zehenspitzen oder zogen sich hoch und starrten auf die zahlreichen Sorten, die eine Entscheidung abverlangten. Eine wohlüberlegte. Niemand wollte leichtfertig handeln. Eine Kugel Glück gab es nicht alle Tage. „Wenn ich groß bin und Geld verdiene, dann bestelle ich mir einen Schwarzwaldbecher!“

270 DM monatlich gab es im ersten Lehrjahr. Zahltag war gestern. Gefeiert wurde heute. „Haben Sie schon gewählt?“ Die Serviererin hob kurz ihre kleine weiße Schürze, stopfte ihre Geldbörse in das darunterliegende schwarze Schürzchen und strich mit beiden Händen alles wieder glatt.

„Nein, … ich habe noch gar nicht reingeschaut.“ Sie nahm die bunte Eiskarte aus dem Ständer. Die Ecken waren lappig und ausgefranst, aber die Fotos weiterhin vielversprechend. In schnörkeligen Glaskelchen türmten sich Eiskugeln, dazwischen verkeilten sich Fruchtstückchen oder bahnte sich dickflüssige Schokoladen- oder Himbeersoße ihren Weg. Sahnehauben thronten mächtig weit über den Glasrand hinaus. Krokantstreusel oder Schokospäne sprenkelten das cremige Weiß, dicke klebrige Maraschinokirschen drohten darin zu versinken. Zur Krönung gab es bunte Papierschirmchen oder gestreifte Waffelröllchen. Automatisch fing sie an die Zunge gegen den Gaumen zu drücken und hin und her zu bewegen. Dann schluckte sie. Der Schwarzwaldbecher! Drei Kugeln Schokoladeneis, Sauerkirschen, Kirschlikör, Sahne.  5,20 DM

„Was darf ich Ihnen bringen?“ Die Bedienung drehte den Kopf in ihre Richtung während sie den Nachbartisch abräumte. „Hm, … “ Unentschlossenheit schien der jungen Frau nicht neu, ohne eine Antwort abzuwarten balancierte sie mit einem Schwung die leer gekratzten Eispokale in Richtung Theke.

Fünfmarkzwanzig.

Das eigene Geld fühlte sich an wie ein gutes Stück Freiheit. Wahlfreiheit. Nicht nur der Schwarzwaldbecher, alles von der Eiskarte war möglich. Sie musste nur entscheiden. Rauf und runter schickte sie ihren Blick, und als würde die Lösung in der Ferne liegen, schaute sie zum Fenster hin.

Am Fenster saß ein Ehepaar mittleren Alters. Die Tüten vom Einkauf standen zu ihren Füßen. Es waren viele Tüten. Die Stärkung im Eiscafe hatten sie sich offensichtlich verdient. Mit akrobatisch anmutenden Bewegungen platzierte die Serviererin die Traumkreationen vor die zufrieden lächelnden Gäste.

Unverkennbar. Früchte Spezial und Krokantbecher. Zusammen Zehnmarkachtzig. Zehnmarkachtzig … Schnell versenkte sie ihren Blick wieder in der Eiskarte, als könne sie darin verschwinden, unsichtbar werden und nicht mehr ansprechbar sein. „Sie sind mittlerweile fündig geworden?“ Sie zuckte zusammen, blieb tonlos weiterhin im aufgeklappten Hochglanzangebot versteckt und wünschte sich mit fest geschlossenen Augen nichts sehnlicher als ein Dahinschwinden von Bedienung und Nachfrage. Sie zählte bis zehn und spürte tatsächlich die Abwesenheit im Rücken. Dann zählte sie die Kugeln, die sie zum Preis des Schwarzwaldbechers am Straßenverkauf bekommen würde. Sie klappte die Eiskarte zu, steckte sie in den Ständer zurück, erhob sich vom Tischchen, was immer noch klebte, und verließ mit gesenktem Kopf und schnellem Schritt das kleine Lokal, um sich draußen in der Schlange einzureihen.

Mama Windel!

Ich muss mich diesem gejammerten Wunsch widersetzen – ich bin die angereiste Oma, und die hat sich angeboten, eine Woche den Alltag mit drei Kleinkindern zu übernehmen, weil der Papa zur Arbeit muss und die Mama ihre Prüfungen fürs zweite Staatsexamen in Jura ablegt. Die Kita lässt nur bis 9.00 Uhr ein, und das sind Vorgaben, die ich (nicht ganz uneigennützig) einhalten möchte.
Mit dem Weckerklingeln gegen 7.00 Uhr öffnet sich ein großzügiges Zeitfenster, welches ausreichen sollte, die drei aus den Schlafanzügen zu bekommen, Straßenkleidung anzulegen, bei der kleinen Mia die Windel zu wechseln, ein gemeinsames Frühstück einzunehmen, Zähne zu putzen, klebrige Münder abzuwischen und Schuhe und Jacken anzuziehen.
Aber da ist eine Hundertschaft von Comicfiguren die meine Pläne durchkreuzen, und gehörig am Zeitfenster rütteln.
Fuchs und Löwe auf der Wegwerfwindel fangen damit an. Ich entnehme den Lauten Fus und Löe den Auftrag, die beiden erst einmal zu zeigen, während ich wie ein Löwe brülle, und mir vornehme, im Laufe des Tages zu googeln, welche Töne Füchse von sich geben. Ganz schnell ziehe ich über mein vollbrachtes Werk den Body, auf dem sich im Brustbereich ein Kätzchen zwischen zwei Herzen tummelt.
Kasse, sagt die kleine Mia, und zeigt mit ihren kleinen, dicken Fingern drauf. Miau, rufe ich, und streife einen roten Nickipullover drüber.
KASSE!!
Der Nickipullover wird hochgeschoben und das Kätzchen freigelegt. Ich mache mit einer Hose weiter.
Bume!
Wo ist eine Blume?

Mia weiß das, und zeigt auf den Knopf. Blume und Kätzchen muss ich nun dauerbewundern, was mir mit dem Wunsch nach „Budda“ gelingt abzubrechen. Budda ist Brot, und Essen zieht immer. Ich ziehe ihr ein Lätzchen an.
Nein. Dodo an!

Ich frage Lena nach Dodo, die mit fünf Jahren ganz große Schwester ist, aber immer noch in ihrem Schlafanzug steckt. Wir suchen gemeinsam nach Dodo, einem Lätzchen in Form einer japanischen Comicfigur.
Ich wähne Klein-Mia zufrieden, sie aber schreit Anpanman, bevor ich dem vierjährigen Tobi erklären kann, dass man Mitte September keine kurzen Hosen mehr anzieht. Ehe der sich dagegen wehrt, erklärt er mir, dass Mia den Anpanman-Teller haben möchte, ein Plastikteil mit aufgedrucktem Kinderhelden aus Japan. Das Brot liegt schon demonstrativ auf der Tischplatte, der falsche Teller auf dem Boden.

Lena ist inzwischen nackt und räumt eine Kommodenschublade aus, damit sie sich aus dem Sortiment, was sich über das helle Laminat verteilt, was Passendes aussuchen kann. Zur Hello-Kitty Unterwäsche sucht sie die Socken, die scheinen aber in der Wäsche, was sie nicht tröstet. Ich biete ihr Socken mit der Maus an, dazu gäbe es auch ein Longsleeve-Shirt , was wir gemeinsam suchen, während Mia nach Milch schreit und Tobi heult, weil er seine Jacke nicht findet, die mit dem Plastikmonster am Reißverschluss. Er ist weiterhin in kurzen Hosen und denkt auch nicht daran zu wechseln, weil da Krokodile drauf sind und die beißen das Monster vom Reißverschluss. Ich ziehe ihm eine lange Hose über die Kurze, weil die Krokodile sich verstecken müssen, falls das Monster auch mal die Krokodile beißen will. Mia bekommt Milch von mir, allerdings reihe ich fünf Becher mit den unterschiedlichsten Motiven vor ihr auf, damit ich gleich den richtigen auffülle. Sie wählt den mit dem Frosch, auf den aber erhebt Tobi brüllend Besitzanspruch, den ich aber mit der zwischenzeitlich gefundenen Monster-Reißverschlußjacke beruhigen kann. Das Zeitfenster hat beachtlich an Größe verloren, dafür hat Lena ein Kleid gefunden, womit die Sockenfrage geklärt wäre, allerdings noch eine Strumpfhose aufgetrieben werden muss. Das Suchen muss ich Lena überlassen, weil Tobi jetzt ein Frischkäsebrot mit Himbeermarmelade verlangt. Auch hier möchte ich bei der Tellerwahl nicht scheitern, der verfügbare Stapel scheint mir aber doch zu hoch, um eine Auswahl auf den Tisch zu bringen. Prinzessinnen, Tigerente, Frosch, Kleiner Bär, ganz viel Japanisches, Punkte und Blumen. Er möchte den Frosch, was mir einen kleinen Adrenalinstoß verpasst, weil der Froschbecher doch schon in fremden Händen ist. So schütte ich wortlos Milch in ein Glas mit blauen Punkten. Es geht!
Lena kommt mit der Strumpfhose, die sie nicht alleine anziehen kann, und während ich Bein für Bein zusammenraffe, damit der Kinderfuß flugs einsteigen kann, erklärt sie mir, dass sie kein Brot, sondern Haferflocken mit Joghurt möchte. Das Schalensortiment schlägt die Tellerauswahl um Längen und ich befürchte zusätzlich einen Nachahmeeffekt.

Mehr…! Schon schiebt die kleine Mia ihren Teller von sich und besteht ebenfalls auf Haferflocken. Durchs Zeitfenster fällt nur noch ein Hoffnungsschimmer.
Ich greife durch. Alleine schon der bebilderten Besteckauswahl wegen. Lena bekommt ein Butterbrot in die Hand und Milch aus einem Glas mit grünen Punkten. Ich erfahre schreiend, dass die grünen Punkte Tobi gehören, dabei belasse ich es aber. Es geht jetzt um Schuhe und Jacken, und zwar schnell und meinerseits kampflos. So läuft Mia mit den zu klein gewordenen Sommersandalen los, Tobi besteht auf eine viel zu dünne Regenjacke und Lena nimmt die schmutzige Lieblingsjacke aus dem Wäschekorb.
Die Haare sind nicht gekämmt, die Zähne nicht geputzt, ich hatte kein Frühstück, aber Gott sei Dank noch Tempos in der Tasche, um die klebrigen Münder abzuwischen, bevor ich auf die Klingel am großen Tor drücke und um Einlass bitte. Es ist eine Minute vor neun. Wir sind noch nicht zu spät!