Januar

Hinweisschild Pronto Socorso

Möglicherweise enttäusche ich jetzt.

Mein erster Italienbericht kommt aus Deutschland. Warum? Weil wir mal wieder über die Alpen gefahren sind, hin zur zurückgelassenen Familie, zu den Freunden und all den Ärzten, mit denen wir ein appuntamento haben, damit sie uns anzapfen und abklopfen können.

Ist der italienische Wohnsitz kein Erstwohnsitz, also nur ein seconda casa, dann gibt es  keine Residenza und somit auch keine Tessera sanitaria, kein Versicherungskärtchen. Da wir diese Vorraussetzungen alle erfüllen, bleibt uns nur die Gesundheitskarte aus Deutschland, die wir, laut EU-Richtlinien einsetzen könnten. Dazu braucht es Arzttermine, die in der Regel nicht zeitnah zu den Beschwerden vergeben werden, und hat man einen, hat der Arzt möglicherweise keine Lust auf den bürokratischen Aufwand, oder keine Ahnung vom Procedere.

Das ist der Moment, in dem die Bedeutsamkeit von Beziehungen, also conoscenze, offenkundig wird.

Da sind die Dottoressa in der Nachbarschaft, die landhausbesitzenden Ärzte aus Deutschland und selbst der Geometra, der sich einst um die Wiederherstellung unseres Rustico gekümmert hatte, verfügt über Kontakte, die der körperlichen Wiederherstellung dienlich sein können.

Liegt etwas Akutes vor, weil man von der Leiter gefallen ist, die Hand in die Kreissäge kam oder das Herz mit Stillstand droht, dann ist das Pronto soccorso zuständig, die Notfallaufnahme in jedem Krankenhaus. Pronto ist mit schnell zu übersetzen, was relativ sein kann und die Wartezeit Stunden in Anspruch nimmt. Dann hat man in der Regel die Farbe Grün bekommen. Orange und insbesondere Rot haben den Vortritt. Eine umgekehrte Ampelsituation, der Verletzungsgrad bestimmt den Rang. Das ganze ist GRATIS und ich frage mich immer, beim Anblick der überfüllten Warteräume, wie das mit der Finanzierung hinhaut.

Auch wenn ich nicht den Großteil meines Lebens in Italien verbracht habe, so hoffe ich doch, dass sich die hiesige hohe Lebenserwartung mit einem brauchbaren Prozentsatz noch niederschlagen kann. Die Marken stehen diesbezüglich in der Statistik ganz weit oben …

 

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Frühlingserwachen mit Tulpen

Heute habe ich Tulpen gekauft. Nicht, um dem mehrwöchigen Grau in Deutschland einen stimmungsaufhellenden Farbtupfer zu verpassen, nein, um der guten Stimmung noch eins draufzusetzen … Ich bin zurück in Italien!

Schon beim Discounter bemerke ich die Entschleunigung. Die Kassiererin hat nicht schon das Wechselgeld in der Hand, bevor ich überhaupt alles im Einkaufswagen habe. Die Kollegin in Deutschland möchte nicht, dass ich nach Kleingeld suche, sie will, dass ich an ihrer Quote mitarbeite und offensichtlich verhält sich ein Großteil der Kundschaft kooperativ.

Ich verliere diese geforderte Schnelligkeit nach einer gewissen Abwesenheit, was sich auch beim Verkehrsverhalten niederschlägt. Genau genommen müssten ich und mein Auto in gewissen Abständen in ein Großstadttrainingslager mit Zusatzstunden für den Feierabendverkehr, insbesondere bei Dunkelheit und regennasser Fahrbahn.

Aber jetzt bin ich erst einmal wieder hier, die Tulpen liegen in Zeitungspapier eingewickelt auf dem Beifahrersitz und ich rolle entschleunigt unter einem stahlblauen Himmel durch eine Hügellandschaft, die im Januar durchaus frühlingshafte Spuren aufweisen kann.

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Ich bekam ein Buch geschenkt.

ERKLÄR MIR ITALIEN!

Ein Gemeinschaftswerk von Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo mit dem Untertitel:

Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?

 

Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich die Gebrauchsanweisung zu dieser aufgeworfenen Frage möchte. Möchte gar nicht aufgelistet bekommen, was alles zur Verzweiflung treiben kann. Mir reicht, was ich ohne Lektüre schon weiß, bzw. erleben darf.

 

Es gibt aber auch Momente, wo ich anerkennend mit dem Kopf nicke. Wo ich das Gefühl habe, da läuft etwas reibungs- und diskussionslos ab. Wie zum Beispiel das Rauchverbot. Das liegt zwar schon ein paar Jahre zurück, und entgegen meiner Befürchtungen wurden die Italiener mit ihrem beispiellosen, korrekten Verhalten sogar Vorreiter in Europa. Von heute auf morgen hingen die Verbotsschilder in allen betroffenen Örtlichkeiten und die Italiener, obwohl eher untypisch, hielten sich daran.

Seit dem 1. Januar nicke ich wieder anerkennend mit dem Kopf.

Die Plastiktüten in den Supermärkten sind per Gesetz biodegradabile e compostibile. Ob ich Gemüse oder Obst eintüte, das neue Material ist kompostierbar und braucht nicht mehr die zehn bis zwanzig Jahre, bis es verrottet ist. 1 Cent wird mir pro Tüte berechnet, da muss ich gar nicht drüber nachdenken, auch wenn andere Gedanken die Runde machen, ob sich da nicht wieder eine Vetternwirtschaft dahinter verbirgt. Für mich zählt der Nutzen für die Umwelt und … ich muss nie mehr Tüten für den umido- organico, den kompostierbaren Hausmüll kaufen!

Ist das jetzt eine Win-Win-Win-Situation?

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Februar

Heute habe ich mit meinen Enkelkindern geskypt. Ein Wikinger, ein Einhorn und eine Fee drängten sich auf unserem Bildschirm. Karneval am Rhein.
Als sie ihre Jutetaschen holten, um uns die Ausbeute vom Rosenmontagszug in die Kamera zu halten, sahen wir keinen Wikinger, kein Einhorn und auch keine Fee mehr. Sie verschwanden hinter prallgefüllten umweltfreundlichen Beuteln und ich fragte mich, ob die Freude über ein paar schwer ergatterte Bonbons nicht größer gewesen wäre.
Ich persönlich gehöre zu den Schunkelverweigerern. Brauche keine Tollität, die der fünften Jahreszeit vorsteht, ich versuche das ganze Jahr über ohne Pappnase lustig zu sein.
Hier in Italien mache ich eine Ausnahme. Wenn ich gerade im Lande bin, gehe ich gerne zu den dörflichen “sfilate di carnevale”. Es ist ein sympathisches Treiben ganz ohne Alkohol, aber dafür mit jeder Menge Konfetti, das die verkleideten Kinder immer wieder vom Boden aufkratzen und den Umzugswagen hinterherwerfen. Die werden von mächtigen Traktoren gezogen und weil die Zahl so übersichtlich ist, sind mehrere Dorfrunden eingeplant.
Spuren von Konfetti finde ich lange nach Aschermittwoch noch im Auto, in den Schuhen, in der Handtasche, in der Kapuze vom Mantel, in …

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Die Osterglocken haben ihren diesjährigen Auftritt schon so gut wie hinter sich. Hier in Italien blühen sie niemals zeitnah zur Eiersuche, können ihrem Namen also keine Ehre machen. Auf italienisch heißen sie TROMBONE, mit “Posaune” zu übersetzen, was immer sie auch rausposaunen mögen …

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Ich schaute mir gerade „Wunderschön – Süditalien“ aus der Mediathek an. Die Moderatorin saß mir in kurzen Ärmeln gegenüber und stieß den Satz „Italia che bella!“ aus.
Sie liebe dieses Land, … das blaue Meer, die kleinen Buchten, die luftigen Kleider, … endlich mal das stickige Zeug vom Leib!
Ich trage heute Stickiges und das werde ich auch noch die nächsten Wochen tun, denn auch in Italien gibt es einen Winter. Ein Winter, dem der Italiener nicht gerne mit Wärme trotzt. Ich friere in der Bar, in manchem Ristorante, im Wartezimmer des Zahnarztes, im Kino, im Theater, beim Töpferkurs, in Hotels und bei einigen italienischen Freunden, wenn sie zu dieser Jahreszeit zum Abendessen laden. Dann trage ich schon mal Skiunterwäsche …

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Im ganzen Haus riecht es nach Orangen.
Ich habe Marmelade gekocht. Marmeladekochen gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Im Winter sind die Orangen dran. Die kaufe ich beim „Sizilianer“, wenn montags im Dorf Markt ist. “Non trattate” steht auf der handgeschriebenen Pappe. Die Orangen sind unbehandelt und schmecken wunderbar. Wir essen sie roh, sie kommen in den Salat, es gibt Vorspeisen und Hauptgerichte, in denen sie eine Rolle spielen und ich zaubere Nachtische. Wenn sich der „Sizilianer“ Anfang April von mir verabschiedet, macht mich das ein bisschen traurig. Aber auch nur ein bisschen, denn dann kommt der Frühling …

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Heute gingen siebzehn Minuten von dreißig in den italienischen Nachrichten ans Wetter.
Es hat geschneit.
In Rom waren es zehn Zentimeter, die für den Ausnahmezustand reichten. Der öffentliche Verkehr brach zusammen, teilweise blieben die Geschäfte geschlossen, die Kinder hatten schulfrei und wer konnte, fuhr im Circus Maximus Schlitten. Eine Armada von Reportern kämpfte sich durchs Chaos, befragte frierende Menschen an den Bushaltestellen, Schnee schippende Ladenbesitzer, städtische Skilangläufer und interviewte schlechtgelaunte Autofahrer beim Anlegen der Schneeketten, wobei dem Gesagten nicht immer zu folgen war, wegen der Montageanleitung zwischen den Zähnen.
Unsere Nachbarn traf ich im Garten. Sie spielten mit ihren Kindern im Schnee. Keine Schule, kein Kindergarten und auch der Papa, der in einer „Carrozzeria“ arbeitet, blieb zu Hause. Der wird danach Überstunden machen müssen, nicht wegen der Abwesenheit aufgrund höherer Gewalt, sondern wegen all der Blechschäden, die die ungewohnten Straßenverhältnisse mit sich bringen.
Unsere Katze will nicht mehr raus. Ein Rotkehlchen hüpft völlig entspannt auf unserer schneefreien Terrasse. Ich habe Nüsse kleingehackt. Es soll ihm gut gehen …

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Ich habe eine Maus gekauft. Eine Spielmaus für die Katze. Seit die Landschaft unter Schnee begraben liegt, möchte sie nicht mehr raus. Unsere Katze mag keine Veränderungen. Schon gar nicht solch allumfassenden.
Mittlerweile langweilt sie sich im häuslichen Schutzraum. Wenn sie nicht auf meinem Schoß lungert, krallt sie sich in den leinenen Vorhängen fest. Die Maus ist ein voller Erfolg. Schoß und Vorhänge wurden entlastet.
Ich hätte auch ein Modell „Vogel“ bekommen können. Das hat mir etwas Entrüstung entlockt. Die Kaufentscheidung „Maus“ macht mir gerade ein schlechtes Gewissen …

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Drei Tage später …
Die Maus wurde fachgerecht zerlegt. Ich bin froh, dass die Schneeschmelze massiv eingesetzt hat! Die Katze auch …

März

Sorry, gerade abwesend!

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Der Schacht auf dem Foto ist ein Beispiel. Mein Mann hat für mehrere solcher Schächte auf dem Grundstück gesorgt.

Unsere Außenbeleuchtung ist ausgefallen. Das Haus lag im Dunkeln, als wir aus Deutschland wiederkehrten. Und nun tappt mein Mann im Dunkeln, wo denn der Fehler liegt. Grund ist auf jeden Fall die Wasser (Schneeschmelze, gefühlter Dauerregen), das hat die Verteilerdosen in den pozzetti geflutet. Aber welche?

Wir hätten auch auf totalen Stromausfall tippen können, denn bei uns kommt generell nicht die Strommenge an, die ankommen sollte. Das macht uns manchmal das Leben schwer. In zwei Photovoltaikanlagen und in eine Wärmepumpe haben wir investiert. Ist die Spannung im Netz zu schwach, schalten sich unsere stromproduzierenden Anlagen ab. Die schalten sich aber auch ab, wenn die Leitungen überlastet sind, weil in der Nachbarschaft zu wenig konsumiert wird. Dann ruft mein Mann mich an die Haushaltsgeräte. Waschmaschine, Spülmaschine, Bügeleisen, Backofen …

Heute Abend werde ich den Backofen allerdings anmelden müssen, damit ich die Lasagne für la cena reinschieben kann. Dafür muss die Wärmepumpe aus und die Bang&Olufsen darf keinen Ton mehr von sich geben. Während wir die Lasagne essen, dürfen wir wieder Musik hören …

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Heute bekam ich zum Frühlingsanfang eine WhatsApp aus Deutschland …

Bildergebnis für Ich bin absolut gegen Gewalt an Frauen aber Frau Holle bekommt bald eine aufs Maul

Hier in Italien schneit es zwar nicht (zumindest nicht bei uns in den Marken), aber die Temperaturen kann man ” im Keller” bezeichnen und der Regen dürfte auch mal nachlassen!

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Heute morgen hätte ich dann doch gerne die Adresse von Frau Holle …

 

 

 

 

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In Italien suchen die Kinder keine Ostereier. Das liegt vielleicht an den übergroßen Exemplaren, die ganz leicht zu finden wären und sich somit das Verstecken gar nicht lohnt. Das Riesen-Ei ist innen hohl und bietet Platz für eine kleine Überraschung, von dem so manches Kinderherz noch gar nicht wusste, dass es dafür schlagen sollte.

 

 

„Colomba pasquale“ heißt der Osterkuchen in Form einer Taube. Schmeckt wie der „Panettone“ zu Weihnachten, was an den identischen Zutaten liegt. Es ist also die Form, die den Unterschied macht. Wir könnten unserem Christstollen Ohren verpassen …

 

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BITTE NEHMEN SIE DIE AUSFAHRT

Von der Raststätte Hockenheimring Ost bis über die Ausfahrt Speyer hinaus sprachen wir kein Wort. Das waren vierzehn Minuten. Ich wollte ihm gerade erklären, dass Karl nie über Speyer hinausgefahren sei wegen seiner Stammtankstelle in Günzburg an der Ulmerstrasse (wir befahren seit über dreißig Jahren ausschließlich den Radius einer halben Tankfüllung), als er mich fragte, ob ich auch eine Zigarette wolle. Das R rollte dabei ganz fremd. Ich lachte etwas erschrocken und schlug mir die Hände vor den Mund, als ich ihm sagte, dass ich gar nicht rauche. Er aber fummelte sich ungeniert eine Zigarette aus der Brusttasche seines mit Tigern gemusterten Hemdes und zündete sie an. Ich sagte ihm, dass in Karls Auto noch nie geraucht wurde, und er sagte mir, dass ihm das scheißegal sei. Die erste Asche schnippte er auf die Mittelkonsole.

Ich spürte einen Anflug von Protestbereitschaft, den ich unterdrückte, so wie ich auch wortlos hinnahm, als er vor vierzehn Minuten an der Raststätte bei mir einstieg. Einfach so. Karl war nur mal zur Toilette gegangen. Der Schlüssel steckte. Und plötzlich saß der Tigermann neben mir. Drehte den Schlüssel um und fuhr los. Ich schrie nicht. Ich schimpfte nicht. Ich heulte nicht. Ich hatte keinen Funken Angst. Wenn ich überhaupt ein Gefühl hatte. Ich saß stumm neben ihm. Bis zu dem Zeitpunkt mit der Zigarette.

Wo er denn überhaupt hinwolle, fragte ich und rutschte in eine bequemere Sitzhaltung. Das ginge mich gar nichts an, aber auf jeden Fall einfach nur weg.

Und was mit mir passieren solle, fragte ich. Der Tigermann zuckte mit den Schultern, öffnete das Fenster und schnippte die ausgerauchte Zigarette in den Fahrtwind. Ich war mir erst nicht ganz sicher, aber dann drehte ich mich doch um und sah, dass der glühende Stummel auf Karls Mantel lag.

Karl. Ohne Mantel und ohne Auto.

Was er wohl dachte, als er feststellen musste, dass wir beide nicht mehr da waren? Das Auto und seine Frau.

Er müsse mal langsamer fahren, sagte ich zum Tigermann, seine Zigarette brenne gerade ein Loch in Karls Mantel, und das müsse ich ersticken.

Ich öffnete den Gurt und drückte mich zwischen den beiden Sitzen nach hinten. Dabei berührte ich den Tigermann, was auf Grund meiner Leibesfülle nicht zu umgehen war. Ich spürte seine Körperwärme. Ein schweißgesättigter Dunst, der mich wie gebannt verharren ließ, bis er mich fragte, ob ich nun ihn oder den Brandherd ersticken wolle.

Mit meiner Handtasche (Karls Geschenk zum Fünfzigsten) schlug ich auf die schwelende Stelle, bis ich nichts mehr aufglimmen sah.

Ob er keinen Mantel habe, fragte ich ihn. Jetzt sei doch Winter. Mit der zweiten Zigarette zwischen den Lippen nuschelte er ein Doch. Aber nicht hier.

Ich heiße Rita, sagte ich ihm, nachdem ich wieder angeschnallt an seiner Seite saß.

Rasvan.

Das R rollte mehr als bei „Zigarette“.

Aus welchem Land er denn käme, das R klänge so nach Balkan.

Rrrromania … rollte es aus seinem Mund. Da hatte ich also recht. Schade, dass Karl das nicht mitbekommen konnte!

Eigentlich müssten wir jetzt in Speyer bei Karls Schwester Waltraud sein, sagte ich ihm. Sie sei Donnerstag 70 geworden. Die Feier wäre aber auf das Wochenende verlegt worden. Im Kofferraum sei ein Frankfurter Kranz. Karls Lieblingskuchen. Für Waltraud müsse ich jedes Jahr Karls Lieblingskuchen backen, erklärte ich Rasvan aus Rumänien. Dann schaute ich verträumt in eine schmutzige Winterlandschaft, die schon ein gutes Stück hinter Speyer lag.

Ich fühlte mich so wohl dabei, und das konnte nicht nur daran liegen, dass Waltraud mir nicht wie jedes Jahr ihre Krampfadern zeigen konnte.

Der aufheulende Motor war es, der mich aufschreckt. Ich kippte nach links und prallte gegen Rasvan.

So schnell sei Karl noch nie gefahren, sagte ich ihm und klammerte mich am Armaturenbrett fest.

Dann erst hörte ich Karls Handy. Gedämpfte Martinshorntöne kamen aus seinem angesengten Mantel.

Ob er bitte langsamer fahren könne, bat ich ihn, ich müsse das Handy von der Rückbank holen.

Bestimmt Karl, sagte ich ihm. Karl rufe bei sich an. Ich lachte.

Den „Bullen-Klingelton“ fand Rasvan verfickt, das Handy riss er mir aus der Hand, der Rest war rumänisch. Dann zündete er sich wieder eine Zigarette an.

Karl habe bestimmt mit mir sprechen wollen. Er könne sich doch gar nicht vorstellen, was passiert sei.

Ich solle endlich mit diesem Karl aufhören, der ginge ihm langsam auf den Sack, und jetzt brauche er ein Bier und Zigaretten.

Wir fuhren auf die Raststätte Wonnegau bei Worms.

Ich solle mit ihm gehen und die Schnauze halten. Aber was hätte ich denn auch sagen wollen.

 

Karl würde nie Alkohol trinken, wenn er Auto fahre.

Noch einmal KARL und ich sei draußen.

Dabei waren wir noch gar nicht wieder drin, und ich fragte ihn, ob er ein Stück vom Frankfurter Kranz wolle.

Rasvan stand im Tigerhemd in der Kälte, trank Bier aus der Dose und rauchte.

Ich solle mal zeigen. Also machte ich den Kofferraum auf und hob den Deckel vom Tortenwunder.

Der Frankfurter Kranz habe nicht den geringsten Schaden genommen, sagte ich stolz, trotz der Raserei. Alle kandierten Kirschen befänden sich noch an Ort und Stelle.

Das war ihm wieder scheißegal, ich solle ihm einfach ein Stück geben.

Das dauerte ihm dann wohl zu lange, weil ich nicht wusste, wie ich das ohne Messer machen sollte. Er griff kurzerhand in den Kuchen und brach sich ein Stück heraus. Eine kandierte Kirsche rollte auf Karls Autodecke.

Ich war erst etwas beleidigt, weil ich mir doch solche Mühe gegeben hatte. Aber dann brach ich mir auch ein Stück heraus. Wir gruben unsere Finger abwechselnd in den ruinierten Geburtstagskuchen. Der Krokant machte knackende Geräusche zwischen den Zähnen. Die Hände waren buttercremeverschmiert.

Gut, sagte Rasvan.

Ich schwebte. Von dieser Leichtigkeit ließ ich mich ins Auto zurücktragen und sie half mir zu ignorierte, dass Rasvan seine klebrigen Hände im Autositz abwischte. Die meinen leckte ich ab und rieb mit einem Erfrischungstuch aus dem Handschuhfach hinterher. Erst dann griff ich nach dem Gurt. Dessen Unversehrtheit war mir offensichtlich immer noch wichtiger, als meine Sicherheit. Wir befanden uns schon längst wieder im fließenden Wochenendverkehr, während ich die optimale Gurtlänge zurecht zog und am Verschluss fummelte.

Ich sei einfach zu dick, ob er das auch so sehe.

Das sei ihm egal.

Dass es ihm nicht scheißegal war, ließ mich weiterschweben. Karl war das auch egal. Aber eben anders. Karl waren unpünktliche Mahlzeiten nicht egal.

Rasvan rauchte. Ich schaute ins Neuland, was mich allerdings flach und langweilig etwas enttäuschte.

Einige Felder lagen unter weißer Plastikfolie.

Spargel.

Spargel mit Kochschinken, Pellkartoffeln und Buttersoße . Keine Experimente, sagte Karl jedes Jahr.

Für mich fing das Jahr immer mit dem Spargel an. Von da an wiederholte sich alles.

Ob er weißen Spargel möge, fragte ich Rasvan.

Fleisch, … er zeigte auf den LKW der vor uns fuhr und Schweine geladen hatte.

Am Sonntag!

Vorsicht lebende Tiere war auf einem Schild zu lesen. Das verstand ich nicht, wo man doch auf dem Weg zum Schlachthof war.

Ich würde Spargel gerne einmal anders kochen, sagte ich Rasvan.

Dann mach doch…

Ob ich eine Zigarette dürfe, … ich überraschte mich selbst. Rasvan lachte und warf mir die Packung auf den Schoß.

Ich zündete sie etwas ungeschickt mit dem Zigarettenanzünder an. Sie schmeckte scheußlich, und der Rauch brannte auf der Zunge.

Ich müsse tief einatmen, sagte Rasvan, nahm sich auch eine und machte einen kräftigen Zug. Die Glut an der Spitze leuchtete auf.

Ich tat, was Rasvan sagte. Der Husten wollte gar nicht aufhören.

Karls Duftbäumchen pendelte im Dunst am Rückspiegel.

Wie es mit Geld sei, fragte Rasvan. Wegen Tanken.

Wie weit er denn noch fahren wolle. Ich rauchte tapfer weiter.

In Koblenz wohne Monika.

Ein giftgrünes Banner zwischen zwei entlaubten Birken gespannt forderte eine Grünbrücke für Wildtiere.

Ob man mehr Rücksicht auf mich nehmen würde, wenn ich ein Tier wäre …?

Geld, … oh, da müsse ich nachschauen. Ich jedenfalls hätte nur wenig im Portemonnaie. Aber Karl vielleicht …

Ich drückte meine Zigarette in den Aschenbecher und zog den Mantel vom Rücksitz. Da steckte tatsächlich seine Brieftasche drin. Karls Brieftasche in meinen Händen! Mir war nach einer zweiten Zigarette.

95 Euro, sagte ich, das wäre zu wenig.

Das reiche zum Tanken.

Ich aber wollte mehr.

Wir sollten nach Koblenz fahren, sagte ich zu Rasvan. Dort gäbe es sicherlich eine Sparkasse und Monika wohne in Koblenz. Eine Cousine.

Die Geheimzahl für die Automatenkarte sei im Handy als Telefonnummer gespeichert. Rasvan schaute mich kurz von der Seite an und verzog die linke Mundhälfte zu einem Lächeln. Ich nahm zufrieden eine aufrechte Haltung an.

Bitte nehmen Sie die Ausfahrt, verkündigte ich mit abgehackter Navigatorenstimme kurz vor der Abfahrt nach Koblenz Metternich.

Rasvan tat, was ich ihm sagte.

1000 Euro konnten wir abheben. Ich gab ihm die Hälfte, und dann war er auch schon weg. Ich wollte ihm noch hinterher rufen, dass er Karls Mantel behalten könne, aber das hätte er bestimmt nicht mehr gehört.

Zu Monika nahm ich ein Taxi.

 

Dienstag klingelte Karls Handy das auf dem Nachtschränkchen in Monikas Gästezimmer lag. Es war die Polizei aus Günzburg. Karls Auto habe man in Antwerpen gefunden.

In Antwerpen war ich noch nie. Antwerpen klingt gut. Vielleicht fahre ich nächste Woche mit Monika mal hin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eiszeit

Die Glasplatte des winzigen Tisches klebte ein wenig. Deutlich konnte sie die beiden kreisrunden Spuren der letzten Eisbecher sehen. Man würde sie wegwischen. Es war jetzt ihr Tisch. Sie schaute sich um. Sie war nicht die Einzige, und sie hoffte, man würde wahrnehmen, dass auch sie in diesem Eiscafe saß.

Als Kind bemühte sie sich gar nicht, an solch eine Möglichkeit zu denken. Sie sehnte sich ja auch nicht danach, auf dem Mond Murmeln zu spielen. Es kam selten vor, dass die Eltern den Kindern ein Eis versprechen konnten. Dann aber stürmte sie mit den Geschwistern den gläsernen Tresen. Sie standen auf Zehenspitzen oder zogen sich hoch und starrten auf die zahlreichen Sorten, die eine Entscheidung abverlangten. Eine wohlüberlegte. Niemand wollte leichtfertig handeln. Eine Kugel Glück gab es nicht alle Tage. „Wenn ich groß bin und Geld verdiene, dann bestelle ich mir einen Schwarzwaldbecher!“

270 DM monatlich gab es im ersten Lehrjahr. Zahltag war gestern. Gefeiert wurde heute. „Haben Sie schon gewählt?“ Die Serviererin hob kurz ihre kleine weiße Schürze, stopfte ihre Geldbörse in das darunterliegende schwarze Schürzchen und strich mit beiden Händen alles wieder glatt.

„Nein, … ich habe noch gar nicht reingeschaut.“ Sie nahm die bunte Eiskarte aus dem Ständer. Die Ecken waren lappig und ausgefranst, aber die Fotos weiterhin vielversprechend. In schnörkeligen Glaskelchen türmten sich Eiskugeln, dazwischen verkeilten sich Fruchtstückchen oder bahnte sich dickflüssige Schokoladen- oder Himbeersoße ihren Weg. Sahnehauben thronten mächtig weit über den Glasrand hinaus. Krokantstreusel oder Schokospäne sprenkelten das cremige Weiß, dicke klebrige Maraschinokirschen drohten darin zu versinken. Zur Krönung gab es bunte Papierschirmchen oder gestreifte Waffelröllchen. Automatisch fing sie an die Zunge gegen den Gaumen zu drücken und hin und her zu bewegen. Dann schluckte sie. Der Schwarzwaldbecher! Drei Kugeln Schokoladeneis, Sauerkirschen, Kirschlikör, Sahne.  5,20 DM

„Was darf ich Ihnen bringen?“ Die Bedienung drehte den Kopf in ihre Richtung während sie den Nachbartisch abräumte. „Hm, … “ Unentschlossenheit schien der jungen Frau nicht neu, ohne eine Antwort abzuwarten balancierte sie mit einem Schwung die leer gekratzten Eispokale in Richtung Theke.

Fünfmarkzwanzig.

Das eigene Geld fühlte sich an wie ein gutes Stück Freiheit. Wahlfreiheit. Nicht nur der Schwarzwaldbecher, alles von der Eiskarte war möglich. Sie musste nur entscheiden. Rauf und runter schickte sie ihren Blick, und als würde die Lösung in der Ferne liegen, schaute sie zum Fenster hin.

Am Fenster saß ein Ehepaar mittleren Alters. Die Tüten vom Einkauf standen zu ihren Füßen. Es waren viele Tüten. Die Stärkung im Eiscafe hatten sie sich offensichtlich verdient. Mit akrobatisch anmutenden Bewegungen platzierte die Serviererin die Traumkreationen vor die zufrieden lächelnden Gäste.

Unverkennbar. Früchte Spezial und Krokantbecher. Zusammen Zehnmarkachtzig. Zehnmarkachtzig … Schnell versenkte sie ihren Blick wieder in der Eiskarte, als könne sie darin verschwinden, unsichtbar werden und nicht mehr ansprechbar sein. „Sie sind mittlerweile fündig geworden?“ Sie zuckte zusammen, blieb tonlos weiterhin im aufgeklappten Hochglanzangebot versteckt und wünschte sich mit fest geschlossenen Augen nichts sehnlicher als ein Dahinschwinden von Bedienung und Nachfrage. Sie zählte bis zehn und spürte tatsächlich die Abwesenheit im Rücken. Dann zählte sie die Kugeln, die sie zum Preis des Schwarzwaldbechers am Straßenverkauf bekommen würde. Sie klappte die Eiskarte zu, steckte sie in den Ständer zurück, erhob sich vom Tischchen, was immer noch klebte, und verließ mit gesenktem Kopf und schnellem Schritt das kleine Lokal, um sich draußen in der Schlange einzureihen.