KATERSTIMMUNG

Haben die denn immer noch nicht auf dem Schirm, dass wir Katzen Gewohnheitstiere sind? Haben die in all den Jahren noch nicht bemerkt, wie stressanfällig ich bin? Jetzt steht dieser dämliche Baum mitten auf meinem Weg zum Sofa, nachdem er zwei Wochen auf der Terrasse lag. Dort hat er mich auch schon gestört, aber hier drinnen stört er mich mega. Ich brauche meine festgelegten Routen, aber Robert und Birgit brauchen offensichtlich einen Weihnachtsbaum.  An den hängen sie jetzt rote und goldene Kugeln und fuchteln immer wieder mit einer vor meinem Gesicht herum. Was soll das? Wollen die mich ärgern oder glauben sie, mich bespaßen zu müssen? Ich bleibe mal ganz bewusst teilnahmslos auf dem Sofa liegen, dieses jährlich wiederkehrende Affentheater geht mir sowas von auf die Nerven! Die Wiener Sängerknaben rauf und runter, ein Stück Wald auf dem Parkett und ein Weihnachtsmann aus Holz, der raucht. Im Wohnzimmer raucht er und er raucht Kette. Warum geht der nicht mit Robert auf die Terrasse zum Rauchen?  Tanne, Weihrauch, Sandel oder Myrrhe fragt Birgit jedes Mal, wenn kein Rauch mehr aus dem roten Fettsack rauskommt. Wenn Robert dann Myrrhe sagt, ist das ein massiver Angriff auf meine Geruchsnerven. Was hat er denn, unser Moritz fragen sie dann (muss man mir ansehen) und kraulen mir zwischen den Ohren auf dem Kopf herum. 

Momentan wird Tanne vom Glühweingeruch überlagert und der mischt sich mit der Gans, die seit heute Morgen im Ofen liegt. Wegen der Niedrigtemperaturmethode. Sieben Stunden bei achtzig Grad! Darüber haben sie gestern fast genauso lange diskutiert. Hauptsache ich bekomme die Leber von dem Vogel! Tradition ist Tradition und die sollte bei der Leber nicht vernachlässigt werden.

Das ist doch Feuer!  Die beiden sollten das im Griff haben … ah, ist nur der Zuckerhut, der brennt. Alle Jahre wieder … Liegt quer über dem Topf mit dem Glühwein. Der Rum, den Robert ständig draufkippt, soll wohl als Brandbeschleuniger fungieren. Birgit ist das zu viel vom Vierundfünfzigprozentigen. Der Zucker müsse komplett verschwunden sein, meint Robert. Das ist jetzt der Fall, … aber auch die Hälfte vom Inhalt der Rumflasche ist verschwunden. Das Zeug scheint ihnen zu schmecken. Ist mir fast peinlich, wie sie rumgickeln und die Lichterkette an den Baum fummeln.

Überraschung! 

Muss sie dabei so schreien?  Sind das nicht Hühnerfedern? Natürlich sind das Hühnerfedern, die Birgit dem Engel in den Rücken steckt. Der ist neu, den kenne ich nicht. Aha, soll auf der Baumspitze thronen … ist zu hoch. Wenn das mal gutgeht mit dem umgedrehten Papierkorb auf dem Hocker! Ach du scheiße … so, das habe ich mir gedacht, … jetzt liegen sie beide neben der Tanne! Und was gibt es dabei zu lachen? Ich könnte lachen, so blöd wie Robert sich anstellt, um sich auf seine Birgit zu wälzen. 

Du bist mein Engel …

Hoffentlich rammt er ihr keine Hühnerfedern in den Rücken!

Unser Moritz guckt so traurig …

Euer Moritz guckt besorgt, weil die sieben Stunden Niedrigtemperatur schon abgelaufen sind!

Der wird sich bald gaaaanz doll freuen! Diese kleine, süße Maus ist mit Baldrianwurzel und Dinkelspelz gefüllt. Baldrian soll den Spieltrieb anregen und mit dem Baldrianspray können wir sein altes Spielzeug besprühen, das macht ihn dann ganz scharf … auf sein Spielzeug natürlich!

Leute, ich bin auf die Leber scharf! Kommt mal wieder auf die Beine und kümmert euch ums Wesentliche! Damit meinte ich jetzt nicht die Feuerzangenbowle … hallo!!

Ich bin auch ganz scharf …

Robert … doch nicht vor Moritz!

Den lenken wir mal kurz ab …

Ahhiii … ja, spinnt der denn? Hat der Trottel denn ne Vorstellung, wie das Zeug in den Augen brennt? Das gibt eine Anzeige beim Tierschutzverein! Eine volle Ladung Baldrianspray mitten ins Gesicht!  Meinen Spieltrieb wollen sie wecken? Können sie haben. Nur ein Sprung … und ich pflücke euch den dusseligen Engel von der Baumspitze!

 

FRISCHER WIND

Die Hitze hatte nun auch das Schlafzimmer erreicht. Ein fensterloser Raum, in dem das Tageslicht keinen Zutritt hatte, es aber auch den unerträglichen Temperaturen bisher schwer gemacht wurde, einzudringen. Clara saß auf der Bettkannte und wollte daran glauben, dass die Abwesenheit von Licht Kühle hinterlassen könnte. Im Mietvertrag wurde von einem halben Zimmer gesprochen, eine rein rechtliche Angelegenheit, da es keinen Blick nach draußen gab. Dreiundvierzig Quadratmeter für vierhundertsechzig Euro kalt. Mehr wollte sich Clara nicht leisten. Eine Übergangslösung ohne an Zukunft zu denken, nachdem das Zusammenleben mit Leo ein ‒ zumindest für sie ‒ unfreiwilliges Ende genommen hatte.

Dass es keinen Blick nach draußen gab, störte Clara momentan wenig. An Draußen mochte sie gar nicht denken, denn dort brannte seit vier Wochen  die Sonne gnadenlos vom Himmel und heizte die Stadt ein. Der Schweiß rann  an ihrem Rücken herunter und ließ das dünne Sommerkleid mit dem großen Blumenmuster auf der Haut kleben. Apathisch starrte sie auf die restlichen Umzugskartons, die noch dort herumstanden, wo sie sie vor gut einem Jahr abgestellt hatte. Sie vermisst den Inhalt nicht, Leo allerdings vermisste sie immer noch. Der wird sie mittlerweile vergessen haben, die Frau, die für eine Physikerin viel zu sexy sei, wie er sagte, die das Zeug zum Model hätte, wenn sie denn über die richtige Größe verfügen würde. Leo, der Optimierungsfanatiker, der als frischgebackener Volljurist sofort eine Anstellung bei einer Großkanzlei bekam. Leo, der es liebte, Lücken zu finden. Nicht nur in Gesetzen. Und Leo fand Anne. Und Anne war groß.
Frischer Wind für Ihr Zuhause
In blauen Lettern diagonal aufgedruckt. Der gehörte nicht zu ihren Kartons, stand eingeklemmt in der unteren Reihe und war ihr schon gar nicht mehr aufgefallen. Clara musste allerdings nicht lange grübeln, erinnerte sich an das Umzugschaos vor einem guten Jahr und an den Mann in der gelb-roten Jacke von DHL. Der Nachbar von oben sei nicht da, ob sie … Clara wollte nicht diskutieren und krakelte ihren Namen auf das verkratzte Display. Warum hat der Nachbar das Paket nie abgeholt? Würde es nach so langer Zeit überhaupt noch abgeholt werden?
Frischer Wind für Ihr Zuhause
Den konnte sie gebrauchen. Generell. Sie barg ihr schweißnasses Gesicht in beiden Händen. Gibt es in solchen Fällen eine Verjährung? Gehört das Paket möglicherweise schon mir? Leo könnte ihr die Frage sicherlich beantworten. Leo. Der Weltschmerz legte sich über die offene Frage und gerne hätte sie jetzt mit Cordula telefoniert, aber die befand sich gerade konsequent offline zur Sommerfrische an der Ostsee. Cordula hätte die rechten Worte des Trostes gefunden, war damals die Klassenbeste in Deutsch, erkannte aber keinen Sinn darin, den freien Fall einer Handtasche von einem dreiundvierzig Meter hohen Turm mittels Diagramm und Gleichung zu bestimmen. Clara dagegen kümmerte sich mit Leidenschaft um die Berechnung der Geschwindigkeit und Beschleunigung in Abhängigkeit der Zeit. Sie waren die Gegensätze, die sich anzogen. Bis heute. Zum Schweiß gesellten sich Tränen und als auch noch die Nase anfing zu laufen, schnäuzte sie in den feuchten Rock ihres Sommerkleides und rutschte auf Knien auf das Paket zu.
Dr. Elias Machold
Sie hatte nie aufs Klingelschild geschaut, überhaupt kannte sie kaum jemanden in diesem Mehrfamilienhaus. Ein Doktor, dachte sie, einer, der auch nicht viel Geld für die Miete aufbringen möchte. Clara versuchte den Anfang des Klebebands zu erwischen, aber mit den verschwitzten Fingern funktionierte das nicht. Erst als sie das Küchenmesser einsetzte klappte es und sie erkannte gleich, nachdem sie das Styropor entfernt hatte, dass es ein Ventilator war. Sie freute sich so sehr darüber, dass die Besitzerfrage zur Nebensache wurde. Vier Geschwindigkeitsstufen, den Schwenkmodus stellte sie aus und verharrte mit geschlossenen Augen in dem erlösenden Luftstrom.
Es dauerte, bis sie das Klingeln bemerkte. Unwillig erhob sie sich von ihrem Bett und schlurfte zur Haustür. Sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um mehr zu sehen, als eine kakifarbenen Shorts über deren Bund ein ungebügeltes T-Shirt hing. Weiter oben sah sie die Hand, die mit einem Zettel winkte und dann kamen die dunklen Locken und ein sympathisches Lächeln im braungebrannten Gesicht.

„Muss hier abgegeben worden sein für … Entschuldigung, Elias Machold aus dem Dritten … allerdings vor einem Jahr!“ Aus dem Lächeln wurde ein Lachen.

„Zwölf Monate Afrika. Ärzte ohne Grenzen.“ Vor zwölf Monaten hätte die Luft genauso gestanden wie heute. Bevor der bestellte Ventilator kam, sei er schon weggewesen. Ein kurzfristiger Abruf von langer Dauer.

Clara wollte ihm erklären, dass Luft nicht wirklich steht, wegen der Moleküle, die immer in Bewegung sind, hätte aber nicht viel geholfen, sich vor einem Geständnis zu drücken. Rückwärts trippelte sie in ihre Wohnung zurück und hatte nichts dagegen, dass der Nachbar aus dem Dritten folgte. Bis ins halbe Zimmer folgte er ihr, in dem der Ventilator summte und Clara zeigte auf das verstreute Verpackungsmaterial.

»Gerade erst ausgepackt, ich dachte an Verjährung.«

Das Lachen vom Doktor war ansteckend und Clara hatte das Gefühl, überhaupt von ihm infiziert worden zu sein. Eine Blitzinfektion, die die Symptome des schlechten Gewissens aus dem Weg geräumt hatten. Sie stand im Luftstrom, der gegen die aufsteigende Hitze von innen nichts ausrichten konnte und der Nachbar aus dem Dritten schaute auf die teils verzerrten, großen Blumen, unter denen sich Claras Körperformen abzeichneten.

»Ich bin zwar kein Jurist, aber ich glaube, Eigentum bleibt immer Eigentum, es sei denn es verpflichtet. In diesem Fall habe ich allerdings das Gefühl, dass es hier in die Pflicht genommen werden sollte.“ Er stellte sich neben Clara in den kühlenden Luftstrom und Clara war froh, dass er kein Jurist war.

»Kommt bei Ihnen oben überhaupt was an?«

»Elias ist schon ok. Und nein, oben kommt nichts an.«

»Dann lass uns setzen.« Sie zeigte auf das Bett im Rücken. »Ich bin Clara.«

Ohne sich anzuschauen saßen sie da, den Blick auf den Ventilator gerichtet. Der Großteil der Luft blies zwischen den beiden hindurch, aber keiner dachte ans Zusammenrücken und so war es der Schwenkmodus, der es möglich machte, den Abstand aufrechtzuerhalten.

»Ein ganzes Jahr lang verbrachte dein Paket zwischen meinen Kisten.«

»Und deine Kisten? Stehen die aus Solidarität hier noch rum?«

Der Ventilator bewegte sich hin und her, wie die Köpfe der Zuschauer bei einem Tennismatch. Die Köpfe der beiden blieben starr nach vorne gerichtet, während Clara anfing, von ihren Kisten zu erzählen. Sie hörte gar nicht auf, redete immer noch, als schon der Lichtstreifen verschwand, der vom kleinen Flur ins halbe Zimmer fiel.

»Und du? Wie schaut dein Leben aus?«

Unabgesprochen drehten sie sich die Gesichter zu und unabgesprochen rückten sie im Schutz der Dunkelheit näher zusammen und wieder ganz ohne Absprache fanden sich die Lippen und Clara musste sich gedulden, etwas über Elias‘ Leben zu erfahren.

Clara war geduldig. Sehr sogar. Die Ganze Nacht war sie geduldig und erst, als sie vom Schnurren des Ventilators geweckt wurde, fragte sie: »Und dein Leben? Wie schaut dein Leben aus?«

Das war ein bewegtes Leben mit kurzen Unterbrechungen, eins, dem gerade eine Unterbrechung zustand, eins, das in drei Monaten in Asien seinen Einsatz finden würde.

Clara drehte sich weg und zog das Leintuch über ihren nackten Körper.

»Hey, ich bin doch noch nicht aus der Welt!« Elias rüttelte sanft an ihrer Schulter und Clara zog sich das Leintuch über den Kopf.

»Jetzt bin ich erstmal im Dritten. Du weißt ja, wo du klingeln musst.« Er zog sich an und dann die Tür hinter sich zu.

 

Clara klingelte eine Woche lang nicht. Warum auch. Asien lag ja nicht um die Ecke. Als es anfing zu regnen, klingelte sie. Wegen der Nachricht im Briefkasten. Den Ventilator darfst du behalten. Elias  Eine Handschrift wie sein Lächeln.

Mit dem Ventilator unterm Arm drückte Clara auf den Klingelknopf. »Ich mag ihn nicht behalten,« sagte sie, »vielleicht kannst du ihn in Asien gut gebrauchen.«

»Würdest du mitkommen?«

»Nach Asien? Spinnst du?«

»Gepackt hast du doch schon.« Er grinste.

»Ich kenne dich doch kaum …«

»Ich dich auch nicht. Eine Woche kein Klingelzeichen, … ich glaube, wir haben beide gelitten.«

»Und was soll ich dort machen?«

»Die Dinge fügen sich, du solltest gar nicht darüber nachdenken.«

Als Physikerin glaubte Clara nicht an Fügung, trotzdem nahm sie seine ausgestreckte Hand und kurze Zeit später halfen auch keine Formeln mehr.

Elias hatte Recht. Gepackt hatte sie ja schon.

 

 

 

 

 

SÖREN

 

Marlene hatte neunundzwanzig Gäste eingeladen. Mit ihr waren es dann so viele, wie Kerzen auf der Torte, die Klara für sie gebacken hatte. So was machen beste Freundinnen. Die trösten nicht nur bei Liebeskummer. Wäre Toben noch an ihrer Seite, hätte sie eine Einladung weniger verschicken müssen. Pro Lebensjahr ein Gast. Eine Regel aus Kinderzeiten.Von der wollte sie sich nicht verabschieden.

Toben hatte sich verabschiedet. Der schlingt seit einem halben Jahr seine starken Arme, die so unerwartet zärtlich sein konnten, um eine Sarah. An dem Tag, als Toben seine letzten Sachen abholte, hatte Marlene Hagali zertrümmert. Hagali von Ikea war das erste Möbelstück ihrer ersten gemeinsamen Wohnung. 140×200. Die richtigen Maße für gewünschte Nähe.

Seitdem schläft Marlene auf der Matratze. Bei gleichbleibender Liegefläche, aber ohne Nähe. Die Freunde hatten zusammengelegt. Ein Gutschein vom schwedischen Möbelhaus. Damit würde sie zehnmal das Modell Hagali bekommen, aber es sollte diesmal etwas Besseres sein, meinten die Freunde. Etwas für die Zukunft, damit sie die Vergangenheit endlich hinter sich lassen könnte.

Innerhalb von drei Jahren musste der Gutschein eingelöst werden. Es drängte also kein Verfalldatum und Marlene konnte sich weiter der Trauer widmen. Es war Klara, die drängte, und weil Marlene dem ein Ende setzen wollte, tat sie ihr den Gefallen und fuhr an einem freien Donnerstag zu Ikea. Bis sie zu den Betten kam, musste sie den Pfeilen auf dem Boden folgen. Dabei kam sie an etlichen Wohnzimmern, Küchen und Esszimmern vorbei. Lauter kleine heile Welten, die sich glückliche Menschen nach Hause holen konnten. Marlene war nicht glücklich, und als sie endlich bei den Betten angelangt war, suchte sie nach Hagali, um ihren Schmerz noch etwas zu vertiefen. Der wurde dann unerträglich, als sie erfahren musste, dass das Modell aus dem Programm genommen worden war. Sie stolperte an Nordli, Säbovik, Lauvik und Tarva vorbei und blieb bei Dunvik stehen. Ein graues Bett in einem konsequent grau gehaltenen Musterschlafzimmer. Wände, Fußboden, Schrank, Fußbank, Vorhänge, Bettwäsche und die Attrappe einer Zimmertür. Alles grau. Mag sein, dass es die passende Farbe zur Stimmung war, die Marlene die Hemmung nahm, sich in dieses Bett zu legen. Ausgestreckt lag sie auf dem Rücken. Sie wählte die rechte Seite. Tobens Seite. Aus den geschlossenen Augen lösten sich Tränen. Über die Schläfen suchten sie sich ihren Weg, um schließlich in einer Bettwäsche zu versickern, die ihr nicht gehörte.

Sie traute sich nicht die Augen zu öffnen, als sie spürte, dass sich jemand neben sie gelegt hatte.

»Ich bin Sören.«, sagte eine männliche Stimme. Marlene drehte ihren Kopf nach links.

»Ich könnte mir vorstellen, hier unsere Hochzeitsnacht zu verbringen.«

Wir gelähmt lag Marlene neben dem fremden Mann. Hagali und Toben waren nicht mehr in ihrem Kopf, dafür machte sich Panik breit. Mag sein, dass die dafür verantwortlich war, wie gelähmt liegen zu bleiben. Vielleicht aber auch dieses Lächeln, das so gar nichts Bedrohliches hatte.

»Was meinst du?«

Marlene schloss die Augen für einen kurzen Moment. Es blieb dabei. Da lag weiterhin dieser Sören an ihrer Seite. Sie sprang auf, schlug mit der Handtasche in die Kuhle, die sie hinterlassen hatte, und schrie, ob er nicht alle Tassen im Schrank habe. Normalerweise wäre ihr ein besserer Spruch eingefallen, und sie ärgerte sich darüber. Auf die wegweisenden Pfeile achtete sie nicht mehr, als sie das Möbelhaus fluchtartig verließ.

Klara wollte nur wissen, wie dieser Sören aussah.

»George Clooney in Jung, also ich wäre liegengeblieben!«

Marlene aber lag weiter auf ihrer Matratze. An Toben dachte sie nicht mehr, dafür an Sören.  Trotz der fehlenden Tassen im Schrank.

Sie träumte von ihm, sie wachte mit Gedanken an ihn auf, sie nahm ihn mit zur Arbeit und wieder nach Hause, sie joggte mit ihm durch den Park und nahm ihn abends mit ins Bett.

»Du warst zur rechten Zeit am rechten Ort …«, schimpfte Klara, woraufhin sich Marlene eine Woche Urlaub nahm, das bunte Sommerkleid anzog, das sie bei der Bettensuche getragen hatte, und sich auf den Weg zum rechten Ort machte. Das tat sie zwei Tage lang, saß auf der grauen Fußbank und wartete. Den verbleibenden Tagen wollte sie keine Hoffnung mehr einräumen. Mit hängendem Kopf und im bunten Sommerkleid und nur, weil Klara aufs Durchhalten bestand, schleppte sie sich an Tag drei abermals ins schwedische Möbelhaus. Um die Mittagszeit hatte sie endgültig keine Lust mehr, aber Hunger. Sie ging ins zugehörige Restaurant, wo die Gerichte ähnlich klangen wie die Möbel. Grönsaksbullar sagte sie so lange tonlos vor sich her, bis sie an der Reihe war. Ganz kurz schaute sie auf und dann war alles weg. Sie hätte Gemüsebällchen sagen können, aber auch das ging nicht mehr, denn hinter der Theke stand der Mann, für den sie das bunte Sommerkleid trug.

»Ich meinte das ernst«, sagte er mit dem Lächeln, das sich in Marlenes Träumen festgesetzt hatte. Mit zwei Portionen Grönsaksbullar und schwedischem Bier suchten sie sich einen Tisch, wo sie ungestört sein konnten. Marlene zitterte und Sören trug das Tablett. Die ersten Grönsaksbullar rollten ihr von der Gabel. Sören stand auf, nahm ihren Kopf in die Hände und küsste sie auf den Mund. Das dauerte ziemlich lange, danach sagte er, es kurz machen zu wollen, und Marlene erfuhr, dass er Maximilian hieß, Maximilian Seidel und der Küchenchef vom Möbelhaus war.

Es dauerte ein knappes Jahr, da wurde aus Marlene Krüger eine Marlene Seidel. Es kamen viele Gäste, die Anzahl hätte man nicht als Kerzen auf der dreistöckigen Hochzeitstorte unterbringen können, die Klara gebacken hatte. Und so fiel es auch gar nicht auf, als zur späten Stunde Maximilian Marlene bei der Hand nahm und sie nach draußen auf die Straße zog. Dort wartete ein Taxi. Das brachte sie zum Ikeahaus, das angestrahlt blau und gelb im Gewerbegebiet lag. Beim Wareneingang trug Maximilian Marlene durch eine kleine, unverschlossene Tür über die Schwelle. Marlene lachte und Maximilian musste sie ständig küssen wegen des Lärms, der sie verraten hätte. Er kannte sich aus. Marlene eilte ihm hinterher, den Rock vom weißen Brautkleid mit beiden Händen angehoben. Dunvik befand sich noch immer im grauen Musterzimmer, nur die Bettwäsche war eine andere. Maximilian hob Marlene hoch und legte sie wie etwas leicht Zerbrechliches genau an der Stelle ab, wo er sie vor einem guten Jahr gefunden hatte.

»Du hast nicht alle Tassen im Schrank«, sagte Marlene.

»Da hast du vollkommen recht, dafür aber Gläser und eine Flasche Champagner!« Die holte er aus dem grauen Kleiderschrank und ließ den Korken knallen.

»Auf uns …!«

»So, jetzt ist gut Maximilian, mehr war nicht abgemacht!«

Security konnte Marlene auf dem Rücken seiner Uniform lesen, als er sich umdrehte und davonging.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eiszeit

Die Glasplatte des winzigen Tisches klebte ein wenig. Deutlich konnte sie die beiden kreisrunden Spuren der letzten Eisbecher sehen. Man würde sie wegwischen. Es war jetzt ihr Tisch. Sie schaute sich um. Sie war nicht die Einzige, und sie hoffte, man würde wahrnehmen, dass auch sie in diesem Eiscafe saß.

Als Kind bemühte sie sich gar nicht, an solch eine Möglichkeit zu denken. Sie sehnte sich ja auch nicht danach, auf dem Mond Murmeln zu spielen. Es kam selten vor, dass die Eltern den Kindern ein Eis versprechen konnten. Dann aber stürmte sie mit den Geschwistern den gläsernen Tresen. Sie standen auf Zehenspitzen oder zogen sich hoch und starrten auf die zahlreichen Sorten, die eine Entscheidung abverlangten. Eine wohlüberlegte. Niemand wollte leichtfertig handeln. Eine Kugel Glück gab es nicht alle Tage. „Wenn ich groß bin und Geld verdiene, dann bestelle ich mir einen Schwarzwaldbecher!“

270 DM monatlich gab es im ersten Lehrjahr. Zahltag war gestern. Gefeiert wurde heute. „Haben Sie schon gewählt?“ Die Serviererin hob kurz ihre kleine weiße Schürze, stopfte ihre Geldbörse in das darunterliegende schwarze Schürzchen und strich mit beiden Händen alles wieder glatt.

„Nein, … ich habe noch gar nicht reingeschaut.“ Sie nahm die bunte Eiskarte aus dem Ständer. Die Ecken waren lappig und ausgefranst, aber die Fotos weiterhin vielversprechend. In schnörkeligen Glaskelchen türmten sich Eiskugeln, dazwischen verkeilten sich Fruchtstückchen oder bahnte sich dickflüssige Schokoladen- oder Himbeersoße ihren Weg. Sahnehauben thronten mächtig weit über den Glasrand hinaus. Krokantstreusel oder Schokospäne sprenkelten das cremige Weiß, dicke klebrige Maraschinokirschen drohten darin zu versinken. Zur Krönung gab es bunte Papierschirmchen oder gestreifte Waffelröllchen. Automatisch fing sie an die Zunge gegen den Gaumen zu drücken und hin und her zu bewegen. Dann schluckte sie. Der Schwarzwaldbecher! Drei Kugeln Schokoladeneis, Sauerkirschen, Kirschlikör, Sahne.  5,20 DM

„Was darf ich Ihnen bringen?“ Die Bedienung drehte den Kopf in ihre Richtung während sie den Nachbartisch abräumte. „Hm, … “ Unentschlossenheit schien der jungen Frau nicht neu, ohne eine Antwort abzuwarten balancierte sie mit einem Schwung die leer gekratzten Eispokale in Richtung Theke.

Fünfmarkzwanzig.

Das eigene Geld fühlte sich an wie ein gutes Stück Freiheit. Wahlfreiheit. Nicht nur der Schwarzwaldbecher, alles von der Eiskarte war möglich. Sie musste nur entscheiden. Rauf und runter schickte sie ihren Blick, und als würde die Lösung in der Ferne liegen, schaute sie zum Fenster hin.

Am Fenster saß ein Ehepaar mittleren Alters. Die Tüten vom Einkauf standen zu ihren Füßen. Es waren viele Tüten. Die Stärkung im Eiscafe hatten sie sich offensichtlich verdient. Mit akrobatisch anmutenden Bewegungen platzierte die Serviererin die Traumkreationen vor die zufrieden lächelnden Gäste.

Unverkennbar. Früchte Spezial und Krokantbecher. Zusammen Zehnmarkachtzig. Zehnmarkachtzig … Schnell versenkte sie ihren Blick wieder in der Eiskarte, als könne sie darin verschwinden, unsichtbar werden und nicht mehr ansprechbar sein. „Sie sind mittlerweile fündig geworden?“ Sie zuckte zusammen, blieb tonlos weiterhin im aufgeklappten Hochglanzangebot versteckt und wünschte sich mit fest geschlossenen Augen nichts sehnlicher als ein Dahinschwinden von Bedienung und Nachfrage. Sie zählte bis zehn und spürte tatsächlich die Abwesenheit im Rücken. Dann zählte sie die Kugeln, die sie zum Preis des Schwarzwaldbechers am Straßenverkauf bekommen würde. Sie klappte die Eiskarte zu, steckte sie in den Ständer zurück, erhob sich vom Tischchen, was immer noch klebte, und verließ mit gesenktem Kopf und schnellem Schritt das kleine Lokal, um sich draußen in der Schlange einzureihen.

Mama Windel!

Ich muss mich diesem gejammerten Wunsch widersetzen – ich bin die angereiste Oma, und die hat sich angeboten, eine Woche den Alltag mit drei Kleinkindern zu übernehmen, weil der Papa zur Arbeit muss und die Mama ihre Prüfungen fürs zweite Staatsexamen in Jura ablegt. Die Kita lässt nur bis 9.00 Uhr ein, und das sind Vorgaben, die ich (nicht ganz uneigennützig) einhalten möchte.
Mit dem Weckerklingeln gegen 7.00 Uhr öffnet sich ein großzügiges Zeitfenster, welches ausreichen sollte, die drei aus den Schlafanzügen zu bekommen, Straßenkleidung anzulegen, bei der kleinen Mia die Windel zu wechseln, ein gemeinsames Frühstück einzunehmen, Zähne zu putzen, klebrige Münder abzuwischen und Schuhe und Jacken anzuziehen.
Aber da ist eine Hundertschaft von Comicfiguren die meine Pläne durchkreuzen, und gehörig am Zeitfenster rütteln.
Fuchs und Löwe auf der Wegwerfwindel fangen damit an. Ich entnehme den Lauten Fus und Löe den Auftrag, die beiden erst einmal zu zeigen, während ich wie ein Löwe brülle, und mir vornehme, im Laufe des Tages zu googeln, welche Töne Füchse von sich geben. Ganz schnell ziehe ich über mein vollbrachtes Werk den Body, auf dem sich im Brustbereich ein Kätzchen zwischen zwei Herzen tummelt.
Kasse, sagt die kleine Mia, und zeigt mit ihren kleinen, dicken Fingern drauf. Miau, rufe ich, und streife einen roten Nickipullover drüber.
KASSE!!
Der Nickipullover wird hochgeschoben und das Kätzchen freigelegt. Ich mache mit einer Hose weiter.
Bume!
Wo ist eine Blume?

Mia weiß das, und zeigt auf den Knopf. Blume und Kätzchen muss ich nun dauerbewundern, was mir mit dem Wunsch nach „Budda“ gelingt abzubrechen. Budda ist Brot, und Essen zieht immer. Ich ziehe ihr ein Lätzchen an.
Nein. Dodo an!

Ich frage Lena nach Dodo, die mit fünf Jahren ganz große Schwester ist, aber immer noch in ihrem Schlafanzug steckt. Wir suchen gemeinsam nach Dodo, einem Lätzchen in Form einer japanischen Comicfigur.
Ich wähne Klein-Mia zufrieden, sie aber schreit Anpanman, bevor ich dem vierjährigen Tobi erklären kann, dass man Mitte September keine kurzen Hosen mehr anzieht. Ehe der sich dagegen wehrt, erklärt er mir, dass Mia den Anpanman-Teller haben möchte, ein Plastikteil mit aufgedrucktem Kinderhelden aus Japan. Das Brot liegt schon demonstrativ auf der Tischplatte, der falsche Teller auf dem Boden.

Lena ist inzwischen nackt und räumt eine Kommodenschublade aus, damit sie sich aus dem Sortiment, was sich über das helle Laminat verteilt, was Passendes aussuchen kann. Zur Hello-Kitty Unterwäsche sucht sie die Socken, die scheinen aber in der Wäsche, was sie nicht tröstet. Ich biete ihr Socken mit der Maus an, dazu gäbe es auch ein Longsleeve-Shirt , was wir gemeinsam suchen, während Mia nach Milch schreit und Tobi heult, weil er seine Jacke nicht findet, die mit dem Plastikmonster am Reißverschluss. Er ist weiterhin in kurzen Hosen und denkt auch nicht daran zu wechseln, weil da Krokodile drauf sind und die beißen das Monster vom Reißverschluss. Ich ziehe ihm eine lange Hose über die Kurze, weil die Krokodile sich verstecken müssen, falls das Monster auch mal die Krokodile beißen will. Mia bekommt Milch von mir, allerdings reihe ich fünf Becher mit den unterschiedlichsten Motiven vor ihr auf, damit ich gleich den richtigen auffülle. Sie wählt den mit dem Frosch, auf den aber erhebt Tobi brüllend Besitzanspruch, den ich aber mit der zwischenzeitlich gefundenen Monster-Reißverschlußjacke beruhigen kann. Das Zeitfenster hat beachtlich an Größe verloren, dafür hat Lena ein Kleid gefunden, womit die Sockenfrage geklärt wäre, allerdings noch eine Strumpfhose aufgetrieben werden muss. Das Suchen muss ich Lena überlassen, weil Tobi jetzt ein Frischkäsebrot mit Himbeermarmelade verlangt. Auch hier möchte ich bei der Tellerwahl nicht scheitern, der verfügbare Stapel scheint mir aber doch zu hoch, um eine Auswahl auf den Tisch zu bringen. Prinzessinnen, Tigerente, Frosch, Kleiner Bär, ganz viel Japanisches, Punkte und Blumen. Er möchte den Frosch, was mir einen kleinen Adrenalinstoß verpasst, weil der Froschbecher doch schon in fremden Händen ist. So schütte ich wortlos Milch in ein Glas mit blauen Punkten. Es geht!
Lena kommt mit der Strumpfhose, die sie nicht alleine anziehen kann, und während ich Bein für Bein zusammenraffe, damit der Kinderfuß flugs einsteigen kann, erklärt sie mir, dass sie kein Brot, sondern Haferflocken mit Joghurt möchte. Das Schalensortiment schlägt die Tellerauswahl um Längen und ich befürchte zusätzlich einen Nachahmeeffekt.

Mehr…! Schon schiebt die kleine Mia ihren Teller von sich und besteht ebenfalls auf Haferflocken. Durchs Zeitfenster fällt nur noch ein Hoffnungsschimmer.
Ich greife durch. Alleine schon der bebilderten Besteckauswahl wegen. Lena bekommt ein Butterbrot in die Hand und Milch aus einem Glas mit grünen Punkten. Ich erfahre schreiend, dass die grünen Punkte Tobi gehören, dabei belasse ich es aber. Es geht jetzt um Schuhe und Jacken, und zwar schnell und meinerseits kampflos. So läuft Mia mit den zu klein gewordenen Sommersandalen los, Tobi besteht auf eine viel zu dünne Regenjacke und Lena nimmt die schmutzige Lieblingsjacke aus dem Wäschekorb.
Die Haare sind nicht gekämmt, die Zähne nicht geputzt, ich hatte kein Frühstück, aber Gott sei Dank noch Tempos in der Tasche, um die klebrigen Münder abzuwischen, bevor ich auf die Klingel am großen Tor drücke und um Einlass bitte. Es ist eine Minute vor neun. Wir sind noch nicht zu spät!

Rhabarberkuchenwetter

Der zusammengeknüllte Brief ließ sich nicht mehr so einfach in Stücke reißen, obwohl ihr danach war. Sie hätte überhaupt alles kurz und klein schlagen können, trotz der Junisonne, die nach tagelangem Dauerregen endlich einmal wieder Licht und Schatten in die kleine Küche zauberte. Dieser Scheißkerl (sie nannte ihn seit gut fünf Jahren nur noch Scheißkerl) hatte es mal wieder geschafft, die Unterhaltszahlungen zu kappen. Dieser Scheißkerl hatte mal wieder am Stöpsel gezogen. Sie rutschte mit dem Rücken an der Küchenfront entlang nach unten und war fast dankbar für den Schmerz, den die kantigen Metallgriffe in zwei langgezogenen Spuren hinterließen. Wie einen Schneeball drückte sie das Papier weiter zusammen und schleuderte es durch die offene Tür, die in den lichtlosen, winzigen Flur führte. Das Geschoss traf Mia mitten ins Gesicht, die in diesem Moment mit holprigen Schritten um die Ecke wackelte.

„Mama, … Ball!“ Wenn Mia lachte, sah man ihre unordentlichen Zahnreihen, und die eng zusammenliegenden Augen verschwanden hinter zwei Schlitzen.

„Ein Chromosom zu viel, und auch mir würde alles am Arsch vorbeigehen!“ Sie wischte sich die Tränen mit dem Handrücken ab, krabbelte auf Mia zu, zog sie zu sich in den Schneidersitz und tauchte die Nase in ihre dunklen, störrischen Haare. Liebesschnüffeln. Ihr Liebe zu diesem Kind fing an zu wachsen, als die zu ihrer großen Liebe schwand. Die große Liebe machte sich aus dem Staub. Ein Chromosom zu viel war ihm zu viel, als man sie im Krankenhaus über Trisomie 21 aufklärte.

Heute morgen auch noch der Anruf ihrer Mutter! Es klang, als lese sie den Text vom Blatt, ohne einmal Luft zu holen. Es sei Rhabarberkuchenwetter, ob sie nicht mit der Kleinen vorbeikommen wolle. Die Kleine hat einen Namen, und überhaupt, nach fünf Jahren ohne jeglichen Kontakt einfach zum Kaffeetrinken einladen, als hätten alle gerade die paar grauen Regentage überstanden, und nun wolle man gemeinsam die wiederkehrende Sonne genießen! Mia ist fünf Jahre ohne Großeltern ausgekommen. Sie kennt noch nicht einmal ihren Vater! Wenn man etwas nicht kennt, kann man es auch nicht vermissen. Ist wie mit dem Rauchen. Hätten die Indianer Käfer geknabbert, anstatt an Friedenspfeifen zu ziehen, stünde ich nicht zehnmal täglich rauchend und mit schlechtem Gewissen bei Wind und Wetter auf dem Balkon! Auf dem Balkon flatterte die Wäsche an der Leine. Sie stellte Mia wieder auf die Beine, holte sich ihre Zigaretten und den Wäschekorb und ging nach draußen. Den Rauch zog sie bis in die Sackgassen ihrer Lunge hinein. Mit dem Ausatmen ließ sie sich Zeit. Sie schaute dem Dunst hinterher, der sich hinter der Balkonbrüstung auflöste und verschwand. Sie blies einen neuen Dunststreifen in die Luft, an den sich ihr Blick und das Gedankenknäuel hängen konnten und hörte nicht, dass Mia gegen die Scheibe trommelte. Erst als sie weinte, drehte sie sich um. Die Wäsche ließ sie auf der Leine, die Balkontür schlug sie hinter sich zu, die Papierkugel warf sie in den Mülleimer, und die letzten Zigaretten hinterher.

„Mia, wir gehen Straßenbahn fahren!“

Mia saß am Fenster, schaute raus und jauchzte. Die Menschen in der Straßenbahn schauten auf Mia und blickten betroffen. Sie möchte jedes Mal in diese Gesichter schlagen, ihnen die Betroffenheit rausprügeln, Normalität verpassen. Bei ihrem Vater hatte sie das nie versucht. Den gab sie einfach auf, weil sie nicht einmal im Stande war, richtige Kinder zur Welt zu bringen. Um ihre Mutter hat sie nicht gekämpft, denn dann wäre ihr Vater ohne Schatten zurückgeblieben. Sie fuhren am Schuhhaus Wöhrl vorbei, am Eiscafe Venezia, am Reformhaus (im Fenster stand immer noch die vergilbte Pappreklame für die Gesundheitslatschen), Blume 2000, die Apotheke von Svens Vater (Sven, der ewig Klassenbeste, aber nur ein Meter fünfundsechzig und klapperdürr), die Sparkasse, der kleine Park und dann kam ihre alte Schule. Es hatte sich nicht viel verändert, alles war noch an seinem Platz, reihte sich unangetastet aneinander. Sie stieg schon an der Kirche aus, obwohl sie hätte weiterfahren können, und redete sich das schöne Wetter ein, und den Vorteil von einem bisschen frische Luft. Die würde es auch gleich im Garten geben, zum Rhabarberkuchen und zu den Eltern. Im Mund zog sich alles zusammen und rutschte bis in den Brustkorb hinein. Sie schob es auf den Gedanken an den Rhabarber. Wenn Mutter ihr damals Zucker in die kleine, meist dreckige Hand schüttete, damit sie in den Garten rennen konnte, um eine Rhabarberstange abzureißen, die sie dann Biss für Biss in den Zucker drücken würde, sprudelte es schon wie ein Springbrunnen auf dem Weg zu den großblättrigen Büscheln in ihrem Mund, und sie musste das Gesicht verziehen. Mia trödelte. Sie ließ Mia trödeln. Mia hob ein zerdrücktes Trinktütchen auf, pflückte Blüten von einem überhängenden Spierstrauch, starrte auf den Hund, der Kacka machte, schaute dem Jungen mit dem Laufrad hinterher, wollte vom Bäcker Kuchen.

„Kuchen gibt es bei Oma.“

„Oma.“

Gleich würden sie bei Oma sein. Sie nahm Mia an der schwitzigen Hand, bevor ihre Entschlossenheit sich auflöste wie Kondensstreifen am wolkenlosen Himmel. Die akkurat geschnittene Buchshecke war gewachsen, über der Klingel begrüßte noch immer eine dreiköpfige, in Ton modellierte Familie lachend den Besucher.

„Frederike … du … !“

Sie erschrak. Wie alt war Mutter geworden! Nicht nur wegen der grauen Haare.

„Ja, … ich …“

„Ich dachte du … “

„Dachte ich auch …“

Jetzt fiel ihr Blick auf Mia, die den Kopf weit nach hinten gebeugt hatte und lachte. Den Blick zu halten, fiel ihr sichtlich schwer, aber sie hielt ihn, wie bei Irene aus dem Kirchenchor, der die halbe Nase fehlte. Und doch war es anders. Sie schämte sich. Es war die Scham, fünf lange Jahre lang nicht in dieses kleine, plattgedrückte Gesicht geschaut zu haben. Mit derselben Regung versuchte sie Frederike zu umarmen, die sich in diesem Moment zu Mia beugte.

„Das ist Oma.“

„Oma hat Kuchen?“

„Aber natürlich hat Oma Kuchen!“ übereifrig drückte sich Frederikes Mutter mit einem aufgesetzten Lachen gegen die geöffnete Haustür.

„Aber kommt doch erst mal rein!“

Drinnen war es wie am Streckenabschnitt mit der Einundzwanziger Straßenbahn. Alles unverändert. Selbst der Geruch aus Möbelpolitur und Küchendünsten hatte noch keine Möglichkeit gehabt sich aufzulösen. Frederike wäre gerne umgekehrt, nicht alles von vorne, dachte sie, aber Mia war schon durch Flur und Wohnzimmer auf die Terrasse gerannt. Auf der Terrasse beschattete eine blau-weiße Markise einen gedeckten Kaffeetisch. Die Markise war neu, die Teller und Tassen bekannt.

„Für vier …? Dachtest du nicht …“

„Ich hatte es mir gewünscht … ganz stark gewünscht!“ Sie strich Mia über den Kopf und ließ ihre Hand liegen, als Frederikes Vater um die Ecke kam. Die Einmeterzweiundneunzig schienen ein bisschen gebeugt, was nicht nur an der ausgefahrenen Markise lag, die einen aufrechten Gang nicht zugelassen hätte. Niemand sprach. Nur die Vögel waren zu hören und das Flattern des blau weiß gestreiften Volants im Wind.

„Das ist Opa!“ sagte Frederikes Mutter zu Mia und irgendwie auch zu ihrem Mann. Der ging auf Frederike zu und sagte „Hallo!“

„Hallo ist ein bisschen wenig Papa, nach so langer Zeit!“

Bevor sie den Satz beendet hatte, ärgerte sie sich über den gemachten Vorwurf. Jetzt musste der Gegenschlag kommen, und dem war sie schon immer unterlegen. Aber da kam nichts. „Ein Hallo ist doch schon mal was für einen Neuanfang, meinst du nicht?“

Frederike schaute auf ihre Füße.

„Ein Neuanfang?“ Auch über diese Frage ärgerte sie sich. Warum war sie denn sonst hier? Oder doch nicht?

„Möchtest du Kaffee oder Tee?“ Frederike konnten sich nicht erinnern, dass sich ihr Vater jemals um solche Belange gekümmert hatte. Die Antwort Tee ließ auf sich warten. Ein bedrückender Moment, dem Erlösung geboten wurde, als die Eltern in die Küche eilten, um Wasser zum Kochen zu bringen, Kaffee aufzubrühen und Teebeutel in die Kanne zu hängen. Als alle am Tisch saßen, war es Mias Anwesenheit, die von all dem ablenkte, was die letzten fünf Jahre hinterlassen hatten.

„Oma heiß!“

Es wurde in den Kakao geblasen, ein Lätzchen umgebunden, der Kuchen zerkleinert und Kissen untergeschoben. Es wurde gefragt, ob es schmeckt, ob sie hoch genug sitzt, ob sie auch Sahne wolle und ob sie überhaupt schon einmal Rhabarberkuchen gegessen habe. Mia sagte immer ja, nur als Oma ihr ein zweites Stück anbieten wollte, sagte sie nein, rutschte vom Stuhl und rannte in den Garten. Frederikes Vater trank den letzten Schluck Kaffee aus, stellte die Tasse langsam und geräuschlos auf die Untertasse zurück, wischte mit der frühlingsbunten Papierserviette flüchtig über die Lippen und erhob sich von seinem Stuhl. Den schob er mit einem kurzen Zögern an den Tisch zurück.

„Ich werde mal nach ihr schauen.“

„Er leidet“, Frederikes Mutter legte ihre Hand auf die ihrer Tochter und spürte den Ansatz des Rückzugs, aber auch den Willen zu bleiben.

„Wisst ihr, wie ich leide, … wie lange ich schon leide?“

„ Dein Vater ist ein ganz anderer Mensch geworden, seit er nicht mehr im Berufsleben steht. Er bedauert sein Verhalten von damals, glaube mir!“

„Back to the roots, wo man ihm jetzt die Krone gekappt hat? Das ist mir zu einfach!“ Frederike schob ihren Teller mit dem Kuchenrest von sich weg.

„Es ist auch nicht einfach, … für ihn ist es nicht einfach, die Situation anzusprechen.“

„In seinem so erfolgreichen Berufsleben hat er doch auch alles angesprochen. Auf den Tisch hat er gehauen, Meinungen gegeigt, Bescheid gestoßen, kein Federlesen gemacht!“ „Frederike, er ist jetzt achtundsechzig, fast neunundsechzig…“

„Was willst du damit sagen, soll ich ihm einen Alterbonus einräumen? Stand mir damals wohl noch nicht zu, war offensichtlich noch zu jung!“

„Nein Frederike, ich will damit sagen, dass er seit fast vier Jahren nicht mehr auf den Tisch haut. Er kümmert sich mit Leidenschaft um den Garten und denkt dabei viel nach. Es war sein Vorschlag, dass ich mich bei dir melde. Er konnte es nicht. Er schämt sich so. Ich schäme mich auch, ich kann dir gar nicht sagen wie. Vor allem, weil ich nie die Kraft hatte, mich gegen ihn aufzulehnen.“

Es war wieder nur das Flattern des Volants der Markise, das das Schweigen vertonte. Frederike wollte auch nichts mehr sagen, wollte das bisher Gesagte so stehen lassen, selber nachdenken, auch ohne Garten. Sie würde sich Zeit dafür nehmen. In Geduld war sie gut. Sie zog ihre Hand unter der ihrer Mutter hervor, verharrte einen kurzen Moment und legte dann die ihre auf die der Mutter.

„Ich nehme die Achzehnzwanziger.“

Frederike erhob sich von ihrem Stuhl und ihre Mutter griff mit beiden Händen nach der Hand, deren Wärme sie gerade noch gespürt hatte.

„Ihr kommt doch wieder?“

Dem ängstlichen Blick wich Frederike aus und schaute in den Garten, um Mia auszumachen. Die stand mit ihrem neuen Opa hinten beim Rhabarber. Sie hatte Zucker in ihrer kleinen Hand mit den kurzen, dicken Fingern und der Opa zeigte ihr, wie man die Rhabarberstange reinstupst.

„Mia, komm Straßenbahn fahren!“, Frederike ging auf dem mit Platten belegten Gartenweg, ohne auf eine Fuge zu treten. Das hatte sie als Kind immer gemacht. Sie musste fehlerfrei die Strecke hinter sich bringen, sonst drohte ihr Schlimmes. Dazu hatte sie sich damals immer neue Grausamkeiten ausgedacht. Die mussten sich aber nie bewahrheiten, weil sie niemals Fehler machte. Wenn ich drauftrete, war mein Besuch heute umsonst!

„Bald sind die Johannisbeeren reif“, sagte ihr Vater und drehte seinen Kopf zu den Büschen mit den noch blassroten Beeren.

„Ich glaube, die schmecken Mia auch!“