KATERSTIMMUNG

Haben die denn immer noch nicht auf dem Schirm, dass wir Katzen Gewohnheitstiere sind? Haben die in all den Jahren noch nicht bemerkt, wie stressanfällig ich bin? Jetzt steht dieser dämliche Baum mitten auf meinem Weg zum Sofa, nachdem er zwei Wochen auf der Terrasse lag. Dort hat er mich auch schon gestört, aber hier drinnen stört er mich mega. Ich brauche meine festgelegten Routen, aber Robert und Birgit brauchen offensichtlich einen Weihnachtsbaum.  An den hängen sie jetzt rote und goldene Kugeln und fuchteln immer wieder mit einer vor meinem Gesicht herum. Was soll das? Wollen die mich ärgern oder glauben sie, mich bespaßen zu müssen? Ich bleibe mal ganz bewusst teilnahmslos auf dem Sofa liegen, dieses jährlich wiederkehrende Affentheater geht mir sowas von auf die Nerven! Die Wiener Sängerknaben rauf und runter, ein Stück Wald auf dem Parkett und ein Weihnachtsmann aus Holz, der raucht. Im Wohnzimmer raucht er und er raucht Kette. Warum geht der nicht mit Robert auf die Terrasse zum Rauchen?  Tanne, Weihrauch, Sandel oder Myrrhe fragt Birgit jedes Mal, wenn kein Rauch mehr aus dem roten Fettsack rauskommt. Wenn Robert dann Myrrhe sagt, ist das ein massiver Angriff auf meine Geruchsnerven. Was hat er denn, unser Moritz fragen sie dann (muss man mir ansehen) und kraulen mir zwischen den Ohren auf dem Kopf herum. 

Momentan wird Tanne vom Glühweingeruch überlagert und der mischt sich mit der Gans, die seit heute Morgen im Ofen liegt. Wegen der Niedrigtemperaturmethode. Sieben Stunden bei achtzig Grad! Darüber haben sie gestern fast genauso lange diskutiert. Hauptsache ich bekomme die Leber von dem Vogel! Tradition ist Tradition und die sollte bei der Leber nicht vernachlässigt werden.

Das ist doch Feuer!  Die beiden sollten das im Griff haben … ah, ist nur der Zuckerhut, der brennt. Alle Jahre wieder … Liegt quer über dem Topf mit dem Glühwein. Der Rum, den Robert ständig draufkippt, soll wohl als Brandbeschleuniger fungieren. Birgit ist das zu viel vom Vierundfünfzigprozentigen. Der Zucker müsse komplett verschwunden sein, meint Robert. Das ist jetzt der Fall, … aber auch die Hälfte vom Inhalt der Rumflasche ist verschwunden. Das Zeug scheint ihnen zu schmecken. Ist mir fast peinlich, wie sie rumgickeln und die Lichterkette an den Baum fummeln.

Überraschung! 

Muss sie dabei so schreien?  Sind das nicht Hühnerfedern? Natürlich sind das Hühnerfedern, die Birgit dem Engel in den Rücken steckt. Der ist neu, den kenne ich nicht. Aha, soll auf der Baumspitze thronen … ist zu hoch. Wenn das mal gutgeht mit dem umgedrehten Papierkorb auf dem Hocker! Ach du scheiße … so, das habe ich mir gedacht, … jetzt liegen sie beide neben der Tanne! Und was gibt es dabei zu lachen? Ich könnte lachen, so blöd wie Robert sich anstellt, um sich auf seine Birgit zu wälzen. 

Du bist mein Engel …

Hoffentlich rammt er ihr keine Hühnerfedern in den Rücken!

Unser Moritz guckt so traurig …

Euer Moritz guckt besorgt, weil die sieben Stunden Niedrigtemperatur schon abgelaufen sind!

Der wird sich bald gaaaanz doll freuen! Diese kleine, süße Maus ist mit Baldrianwurzel und Dinkelspelz gefüllt. Baldrian soll den Spieltrieb anregen und mit dem Baldrianspray können wir sein altes Spielzeug besprühen, das macht ihn dann ganz scharf … auf sein Spielzeug natürlich!

Leute, ich bin auf die Leber scharf! Kommt mal wieder auf die Beine und kümmert euch ums Wesentliche! Damit meinte ich jetzt nicht die Feuerzangenbowle … hallo!!

Ich bin auch ganz scharf …

Robert … doch nicht vor Moritz!

Den lenken wir mal kurz ab …

Ahhiii … ja, spinnt der denn? Hat der Trottel denn ne Vorstellung, wie das Zeug in den Augen brennt? Das gibt eine Anzeige beim Tierschutzverein! Eine volle Ladung Baldrianspray mitten ins Gesicht!  Meinen Spieltrieb wollen sie wecken? Können sie haben. Nur ein Sprung … und ich pflücke euch den dusseligen Engel von der Baumspitze!

 

FRISCHER WIND

Die Hitze hatte nun auch das Schlafzimmer erreicht. Ein fensterloser Raum, in dem das Tageslicht keinen Zutritt hatte, es aber auch den unerträglichen Temperaturen bisweilen schwer gemacht wurde, einzudringen. Clara saß auf der Bettkannte und wollte daran glauben, dass die Abwesenheit von Licht Kühle hinterlassen könnte. Im Mietvertrag wurde von einem halben Zimmer gesprochen, eine rein rechtliche Angelegenheit, da es keinen Blick nach draußen gab. Dreiundvierzig Quadratmeter für vierhundertsechzig Euro kalt. Mehr wollte sich Clara nicht leisten. Eine Übergangslösung ohne an Zukunft zu denken, nachdem das Zusammenleben mit Leo ein ‒ zumindest für sie ‒ unfreiwilliges Ende genommen hatte.

Dass es keinen Blick nach draußen gab, störte Clara momentan wenig. An Draußen mochte sie gar nicht denken, denn seit vier Wochen brannte die Sonne gnadenlos vom Himmel und heizte die Stadt ein. Der Schweiß rann in Bächen an ihrem Rücken herunter, das dünne Sommerkleid mit dem großen Blumenmuster klebte auf der Haut. Apathisch starrte sie auf die restlichen Umzugskartons, die noch dort herumstanden, wo sie sie vor gut einem Jahr abgestellt hatte. Bisweilen vermisste sie den Inhalt nicht, Leo allerdings vermisste sie immer noch. Der wird sie mittlerweile vergessen haben, die Frau, die für eine Physikerin viel zu sexy sei, wie er sagte, die das Zeug zum Model hätte, wenn sie denn über die richtige Größe verfügen würde. Leo, der Optimierungsfanatiker, der als frischgebackener Volljurist sofort eine Anstellung bei einer Großkanzlei bekam. Leo, der es liebte, Lücken zu finden. Nicht nur in Gesetzen. Und Leo fand Anne. Und Anne war groß.
Frischer Wind für Ihr Zuhause
In blauen Lettern diagonal aufgedruckt. Der gehörte nicht zu ihren Kartons, stand eingeklemmt in der unteren Reihe und war ihr bisher gar nicht mehr aufgefallen. Clara musste allerdings nicht lange grübeln, erinnerte sich an das Umzugschaos vor einem guten Jahr und an den Mann in der gelb-roten Jacke von DHL. Der Nachbar von oben sei nicht da, ob sie … Clara wollte nicht diskutieren und krakelte ihren Namen auf das verkratzte Display. Warum hat der Nachbar das Paket nie abgeholt? Würde es nach so langer Zeit überhaupt noch abgeholt werden?
Frischer Wind für Ihr Zuhause
Den konnte sie gebrauchen. Generell. Sie barg ihr schweißnasses Gesicht in beiden Händen. Gibt es in solchen Fällen eine Verjährung? Gehört das Paket möglicherweise schon mir? Leo könnte ihr die Frage sicherlich beantworten. Leo. Der Weltschmerz legte sich über die offene Frage und gerne hätte sie jetzt mit Cordula telefoniert, aber die befand sich gerade konsequent offline zur Sommerfrische an der Ostsee. Cordula hätte die rechten Worte des Trostes gefunden, war damals die Klassenbeste in Deutsch, erkannte aber keinen Sinn darin, den freien Fall einer Handtasche von einem dreiundvierzig Meter hohen Turm mittels Diagramm und Gleichung zu bestimmen. Clara dagegen kümmerte sich mit Leidenschaft um die Berechnung der Geschwindigkeit und Beschleunigung in Abhängigkeit der Zeit. Sie waren die Gegensätze, die sich anzogen. Bis heute. Zum Schweiß gesellten sich Tränen und als auch noch die Nase anfing zu laufen, schnäuzte sie in den feuchten Rock ihres Sommerkleides und rutschte auf Knien auf das Paket zu.
Dr. Elias Machold
Sie hatte nie aufs Klingelschild geschaut, überhaupt kannte sie kaum jemanden in diesem Mehrfamilienhaus. Ein Doktor, dachte sie, einer, der auch nicht viel Geld für die Miete aufbringen möchte. Clara versuchte den Anfang des Klebebands zu erwischen, aber mit den verschwitzten Fingern funktionierte das nicht. Erst als sie das Küchenmesser einsetzte, klappte es und sie erkannte gleich, nachdem sie das Styropor entfernt hatte, dass es ein Ventilator war. Sie freute sich so sehr darüber, dass die Besitzerfrage zur Nebensache wurde. Vier Geschwindigkeitsstufen, den Schwenkmodus stellte sie aus und verharrte mit geschlossenen Augen in dem erlösenden Luftstrom.
Es dauerte, bis sie das Klingeln bemerkte. Unwillig erhob sie sich von ihrem Bett und schlurfte zur Haustür. Sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um mehr zu sehen, als eine kakifarbenen Shorts über deren Bund ein ungebügeltes T-Shirt hing. Weiter oben sah sie die Hand, die mit einem Zettel winkte und dann kamen die dunklen Locken und ein sympathisches Lächeln im braungebrannten Gesicht.

„Muss hier abgegeben worden sein für … Entschuldigung, Elias Machold aus dem Dritten … allerdings vor einem Jahr!“ Aus dem Lächeln wurde ein Lachen.

„Zwölf Monate Afrika. Ärzte ohne Grenzen.“ Vor zwölf Monaten hätte die Luft genauso gestanden wie heute. Bevor der bestellte Ventilator kam, sei er schon weggewesen. Ein kurzfristiger Abruf von langer Dauer.

Clara wollte ihm erklären, dass Luft nicht wirklich steht, wegen der Moleküle, die immer in Bewegung sind, hätte aber nicht viel geholfen, sich vor einem Geständnis zu drücken. Rückwärts trippelte sie in ihre Wohnung zurück und hatte nichts dagegen, dass der Nachbar aus dem Dritten folgte. Bis ins halbe Zimmer folgte er ihr, in dem der Ventilator summte und Clara zeigte auf das verstreute Verpackungsmaterial.

»Gerade erst ausgepackt, ich dachte an Verjährung.«

Das Lachen vom Doktor war ansteckend und Clara hatte das Gefühl, überhaupt von ihm infiziert worden zu sein. Eine Blitzinfektion, die die Symptome des schlechten Gewissens aus dem Weg geräumt hatten. Sie stand im Luftstrom, der gegen die aufsteigende Hitze von innen nichts ausrichten konnte und der Nachbar aus dem Dritten schaute auf die teils verzerrten, großen Blumen, unter denen sich Claras Körperformen abzeichneten.

»Ich bin zwar kein Jurist, aber ich glaube, Eigentum bleibt immer Eigentum, es sei denn es verpflichtet. In diesem Fall habe ich allerdings das Gefühl, dass es hier in die Pflicht genommen werden sollte.“ Er stellte sich neben Clara in den kühlenden Luftstrom und Clara war froh, dass er kein Jurist war.

»Kommt bei Ihnen oben überhaupt was an?«

»Elias ist schon ok. Und nein, oben kommt nichts an.«

»Dann lass uns setzen.« Sie zeigte auf das Bett im Rücken. »Ich bin Clara.«

Ohne sich anzuschauen saßen sie da, den Blick auf den Ventilator gerichtet. Der Großteil der Luft blies zwischen den beiden hindurch, aber keiner dachte ans Zusammenrücken und so war es der Schwenkmodus, der es möglich machte, den Abstand aufrechtzuerhalten.

»Ein ganzes Jahr lang verbrachte dein Paket zwischen meinen Kisten.«

»Und deine Kisten? Stehen die aus Solidarität hier noch rum?«

Der Ventilator bewegte sich hin und her, wie die Köpfe der Zuschauer bei einem Tennismatch. Die Köpfe der beiden blieben starr nach vorne gerichtet, während Clara anfing, von ihren Kisten zu erzählen. Sie hörte gar nicht auf, redete immer noch, als schon der Lichtstreifen verschwand, der vom kleinen Flur ins halbe Zimmer fiel.

»Und du? Wie schaut dein Leben aus?«

Unabgesprochen drehten sie sich die Gesichter zu und unabgesprochen rückten sie im Schutz der Dunkelheit näher zusammen und wieder ganz ohne Absprache fanden sich die Lippen und Clara musste sich gedulden, etwas über Elias‘ Leben zu erfahren.

Clara war geduldig. Sehr sogar. Die Ganze Nacht war sie geduldig und erst, als sie vom Schnurren des Ventilators geweckt wurde, fragte sie: »Und dein Leben? Wie schaut dein Leben aus?«

Das war ein bewegtes Leben mit kurzen Unterbrechungen, eins, dem gerade eine Unterbrechung zustand, eins, das in drei Monaten in Asien seinen Einsatz finden würde.

Clara drehte sich weg und zog das Leintuch über ihren nackten Körper.

»Hey, ich bin doch noch nicht aus der Welt!« Elias rüttelte sanft an ihrer Schulter und Clara zog sich das Leintuch über den Kopf.

»Jetzt bin ich erstmal im Dritten. Du weißt ja, wo du klingeln musst.« Er zog sich an und dann die Tür hinter sich zu.

 

Clara klingelte eine Woche lang nicht. Warum auch. Asien lag ja nicht um die Ecke. Als es anfing zu regnen, klingelte sie. Wegen der Nachricht im Briefkasten. Den Ventilator darfst du behalten. Elias  Eine Handschrift wie sein Lächeln.                                                                                                                        Clara klingelte mit dem Ventilator unterm Arm. »Ich mag ihn nicht behalten,« sagte sie »vielleicht kannst du ihn in Asien gut gebrauchen.«

»Würdest du mitkommen?«

»Nach Asien? Spinnst du?«

»Gepackt hast du doch schon.« Er grinste.

»Ich kenne dich doch kaum …«

»Ich dich auch nicht. Eine Woche kein Klingelzeichen, … ich glaube, wir haben beide gelitten.«

»Und was soll ich dort machen?«

»Die Dinge fügen sich, du solltest gar nicht darüber nachdenken.«

Als Physikerin glaubte Clara nicht an Fügung, trotzdem nahm sie seine ausgestreckte Hand und kurze Zeit später halfen auch keine Formeln mehr.

Elias hatte Recht. Gepackt hatte sie ja schon.

 

 

 

 

 

SÖREN

 

Marlene hatte neunundzwanzig Gäste eingeladen. Mit ihr waren es dann so viele, wie Kerzen auf der Torte, die Klara für sie gebacken hatte. So was machen beste Freundinnen. Die trösten nicht nur bei Liebeskummer. Wäre Toben noch an ihrer Seite, hätte sie eine Einladung weniger verschicken müssen. Pro Lebensjahr ein Gast. Eine Regel aus Kinderzeiten.Von der wollte sie sich nicht verabschieden.

Toben hatte sich verabschiedet. Der schlingt seit einem halben Jahr seine starken Arme, die so unerwartet zärtlich sein konnten, um eine Sarah. An dem Tag, als Toben seine letzten Sachen abholte, hatte Marlene Hagali zertrümmert. Hagali von Ikea war das erste Möbelstück ihrer ersten gemeinsamen Wohnung. 140×200. Die richtigen Maße für gewünschte Nähe.

Seitdem schläft Marlene auf der Matratze. Bei gleichbleibender Liegefläche, aber ohne Nähe. Die Freunde hatten zusammengelegt. Ein Gutschein vom schwedischen Möbelhaus. Damit würde sie zehnmal das Modell Hagali bekommen, aber es sollte diesmal etwas Besseres sein, meinten die Freunde. Etwas für die Zukunft, damit sie die Vergangenheit endlich hinter sich lassen könnte.

Innerhalb von drei Jahren musste der Gutschein eingelöst werden. Es drängte also kein Verfalldatum und Marlene konnte sich weiter der Trauer widmen. Es war Klara, die drängte, und weil Marlene dem ein Ende setzen wollte, tat sie ihr den Gefallen und fuhr an einem freien Donnerstag zu Ikea. Bis sie zu den Betten kam, musste sie den Pfeilen auf dem Boden folgen. Dabei kam sie an etlichen Wohnzimmern, Küchen und Esszimmern vorbei. Lauter kleine heile Welten, die sich glückliche Menschen nach Hause holen konnten. Marlene war nicht glücklich, und als sie endlich bei den Betten angelangt war, suchte sie nach Hagali, um ihren Schmerz noch etwas zu vertiefen. Der wurde dann unerträglich, als sie erfahren musste, dass das Modell aus dem Programm genommen worden war. Sie stolperte an Nordli, Säbovik, Lauvik und Tarva vorbei und blieb bei Dunvik stehen. Ein graues Bett in einem konsequent grau gehaltenen Musterschlafzimmer. Wände, Fußboden, Schrank, Fußbank, Vorhänge, Bettwäsche und die Attrappe einer Zimmertür. Alles grau. Mag sein, dass es die passende Farbe zur Stimmung war, die Marlene die Hemmung nahm, sich in dieses Bett zu legen. Ausgestreckt lag sie auf dem Rücken. Sie wählte die rechte Seite. Tobens Seite. Aus den geschlossenen Augen lösten sich Tränen. Über die Schläfen suchten sie sich ihren Weg, um schließlich in einer Bettwäsche zu versickern, die ihr nicht gehörte.

Sie traute sich nicht die Augen zu öffnen, als sie spürte, dass sich jemand neben sie gelegt hatte.

»Ich bin Sören.«, sagte eine männliche Stimme. Marlene drehte ihren Kopf nach links.

»Ich könnte mir vorstellen, hier unsere Hochzeitsnacht zu verbringen.«

Wir gelähmt lag Marlene neben dem fremden Mann. Hagali und Toben waren nicht mehr in ihrem Kopf, dafür machte sich Panik breit. Mag sein, dass die dafür verantwortlich war, wie gelähmt liegen zu bleiben. Vielleicht aber auch dieses Lächeln, das so gar nichts Bedrohliches hatte.

»Was meinst du?«

Marlene schloss die Augen für einen kurzen Moment. Es blieb dabei. Da lag weiterhin dieser Sören an ihrer Seite. Sie sprang auf, schlug mit der Handtasche in die Kuhle, die sie hinterlassen hatte, und schrie, ob er nicht alle Tassen im Schrank habe. Normalerweise wäre ihr ein besserer Spruch eingefallen, und sie ärgerte sich darüber. Auf die wegweisenden Pfeile achtete sie nicht mehr, als sie das Möbelhaus fluchtartig verließ.

Klara wollte nur wissen, wie dieser Sören aussah.

»George Clooney in Jung, also ich wäre liegengeblieben!«

Marlene aber lag weiter auf ihrer Matratze. An Toben dachte sie nicht mehr, dafür an Sören.  Trotz der fehlenden Tassen im Schrank.

Sie träumte von ihm, sie wachte mit Gedanken an ihn auf, sie nahm ihn mit zur Arbeit und wieder nach Hause, sie joggte mit ihm durch den Park und nahm ihn abends mit ins Bett.

»Du warst zur rechten Zeit am rechten Ort …«, schimpfte Klara, woraufhin sich Marlene eine Woche Urlaub nahm, das bunte Sommerkleid anzog, das sie bei der Bettensuche getragen hatte, und sich auf den Weg zum rechten Ort machte. Das tat sie zwei Tage lang, saß auf der grauen Fußbank und wartete. Den verbleibenden Tagen wollte sie keine Hoffnung mehr einräumen. Mit hängendem Kopf und im bunten Sommerkleid und nur, weil Klara aufs Durchhalten bestand, schleppte sie sich an Tag drei abermals ins schwedische Möbelhaus. Um die Mittagszeit hatte sie endgültig keine Lust mehr, aber Hunger. Sie ging ins zugehörige Restaurant, wo die Gerichte ähnlich klangen wie die Möbel. Grönsaksbullar sagte sie so lange tonlos vor sich her, bis sie an der Reihe war. Ganz kurz schaute sie auf und dann war alles weg. Sie hätte Gemüsebällchen sagen können, aber auch das ging nicht mehr, denn hinter der Theke stand der Mann, für den sie das bunte Sommerkleid trug.

»Ich meinte das ernst«, sagte er mit dem Lächeln, das sich in Marlenes Träumen festgesetzt hatte. Mit zwei Portionen Grönsaksbullar und schwedischem Bier suchten sie sich einen Tisch, wo sie ungestört sein konnten. Marlene zitterte und Sören trug das Tablett. Die ersten Grönsaksbullar rollten ihr von der Gabel. Sören stand auf, nahm ihren Kopf in die Hände und küsste sie auf den Mund. Das dauerte ziemlich lange, danach sagte er, es kurz machen zu wollen, und Marlene erfuhr, dass er Maximilian hieß, Maximilian Seidel und der Küchenchef vom Möbelhaus war.

Es dauerte ein knappes Jahr, da wurde aus Marlene Krüger eine Marlene Seidel. Es kamen viele Gäste, die Anzahl hätte man nicht als Kerzen auf der dreistöckigen Hochzeitstorte unterbringen können, die Klara gebacken hatte. Und so fiel es auch gar nicht auf, als zur späten Stunde Maximilian Marlene bei der Hand nahm und sie nach draußen auf die Straße zog. Dort wartete ein Taxi. Das brachte sie zum Ikeahaus, das angestrahlt blau und gelb im Gewerbegebiet lag. Beim Wareneingang trug Maximilian Marlene durch eine kleine, unverschlossene Tür über die Schwelle. Marlene lachte und Maximilian musste sie ständig küssen wegen des Lärms, der sie verraten hätte. Er kannte sich aus. Marlene eilte ihm hinterher, den Rock vom weißen Brautkleid mit beiden Händen angehoben. Dunvik befand sich noch immer im grauen Musterzimmer, nur die Bettwäsche war eine andere. Maximilian hob Marlene hoch und legte sie wie etwas leicht Zerbrechliches genau an der Stelle ab, wo er sie vor einem guten Jahr gefunden hatte.

»Du hast nicht alle Tassen im Schrank«, sagte Marlene.

»Da hast du vollkommen recht, dafür aber Gläser und eine Flasche Champagner!« Die holte er aus dem grauen Kleiderschrank und ließ den Korken knallen.

»Auf uns …!«

»So, jetzt ist gut Maximilian, mehr war nicht abgemacht!«

Security konnte Marlene auf dem Rücken seiner Uniform lesen, als er sich umdrehte und davonging.

 

 

 

 

 

 

 

 

BITTE NEHMEN SIE DIE AUSFAHRT

Von der Raststätte Hockenheimring Ost bis über die Ausfahrt Speyer hinaus sprachen wir kein Wort. Das waren vierzehn Minuten. Ich wollte ihm gerade erklären, dass Karl nie über Speyer hinausgefahren sei wegen seiner Stammtankstelle in Günzburg an der Ulmerstrasse (wir befahren seit über dreißig Jahren ausschließlich den Radius einer halben Tankfüllung), als er mich fragte, ob ich auch eine Zigarette wolle. Das R rollte dabei ganz fremd. Ich lachte etwas erschrocken und schlug mir die Hände vor den Mund, als ich ihm sagte, dass ich gar nicht rauche. Er aber fummelte sich ungeniert eine Zigarette aus der Brusttasche seines mit Tigern gemusterten Hemdes und zündete sie an. Ich sagte ihm, dass in Karls Auto noch nie geraucht wurde, und er sagte mir, dass ihm das scheißegal sei. Die erste Asche schnippte er auf die Mittelkonsole.

Ich spürte einen Anflug von Protestbereitschaft, den ich unterdrückte, so wie ich auch wortlos hinnahm, als er vor vierzehn Minuten an der Raststätte bei mir einstieg. Einfach so. Karl war nur mal zur Toilette gegangen. Der Schlüssel steckte. Und plötzlich saß der Tigermann neben mir. Drehte den Schlüssel um und fuhr los. Ich schrie nicht. Ich schimpfte nicht. Ich heulte nicht. Ich hatte keinen Funken Angst. Wenn ich überhaupt ein Gefühl hatte. Ich saß stumm neben ihm. Bis zu dem Zeitpunkt mit der Zigarette.

Wo er denn überhaupt hinwolle, fragte ich und rutschte in eine bequemere Sitzhaltung. Das ginge mich gar nichts an, aber auf jeden Fall einfach nur weg.

Und was mit mir passieren solle, fragte ich. Der Tigermann zuckte mit den Schultern, öffnete das Fenster und schnippte die ausgerauchte Zigarette in den Fahrtwind. Ich war mir erst nicht ganz sicher, aber dann drehte ich mich doch um und sah, dass der glühende Stummel auf Karls Mantel lag.

Karl. Ohne Mantel und ohne Auto.

Was er wohl dachte, als er feststellen musste, dass wir beide nicht mehr da waren? Das Auto und seine Frau.

Er müsse mal langsamer fahren, sagte ich zum Tigermann, seine Zigarette brenne gerade ein Loch in Karls Mantel, und das müsse ich ersticken.

Ich öffnete den Gurt und drückte mich zwischen den beiden Sitzen nach hinten. Dabei berührte ich den Tigermann, was auf Grund meiner Leibesfülle nicht zu umgehen war. Ich spürte seine Körperwärme. Ein schweißgesättigter Dunst, der mich wie gebannt verharren ließ, bis er mich fragte, ob ich nun ihn oder den Brandherd ersticken wolle.

Mit meiner Handtasche (Karls Geschenk zum Fünfzigsten) schlug ich auf die schwelende Stelle, bis ich nichts mehr aufglimmen sah.

Ob er keinen Mantel habe, fragte ich ihn. Jetzt sei doch Winter. Mit der zweiten Zigarette zwischen den Lippen nuschelte er ein Doch. Aber nicht hier.

Ich heiße Rita, sagte ich ihm, nachdem ich wieder angeschnallt an seiner Seite saß.

Rasvan.

Das R rollte mehr als bei „Zigarette“.

Aus welchem Land er denn käme, das R klänge so nach Balkan.

Rrrromania … rollte es aus seinem Mund. Da hatte ich also recht. Schade, dass Karl das nicht mitbekommen konnte!

Eigentlich müssten wir jetzt in Speyer bei Karls Schwester Waltraud sein, sagte ich ihm. Sie sei Donnerstag 70 geworden. Die Feier wäre aber auf das Wochenende verlegt worden. Im Kofferraum sei ein Frankfurter Kranz. Karls Lieblingskuchen. Für Waltraud müsse ich jedes Jahr Karls Lieblingskuchen backen, erklärte ich Rasvan aus Rumänien. Dann schaute ich verträumt in eine schmutzige Winterlandschaft, die schon ein gutes Stück hinter Speyer lag.

Ich fühlte mich so wohl dabei, und das konnte nicht nur daran liegen, dass Waltraud mir nicht wie jedes Jahr ihre Krampfadern zeigen konnte.

Der aufheulende Motor war es, der mich aufschreckt. Ich kippte nach links und prallte gegen Rasvan.

So schnell sei Karl noch nie gefahren, sagte ich ihm und klammerte mich am Armaturenbrett fest.

Dann erst hörte ich Karls Handy. Gedämpfte Martinshorntöne kamen aus seinem angesengten Mantel.

Ob er bitte langsamer fahren könne, bat ich ihn, ich müsse das Handy von der Rückbank holen.

Bestimmt Karl, sagte ich ihm. Karl rufe bei sich an. Ich lachte.

Den „Bullen-Klingelton“ fand Rasvan verfickt, das Handy riss er mir aus der Hand, der Rest war rumänisch. Dann zündete er sich wieder eine Zigarette an.

Karl habe bestimmt mit mir sprechen wollen. Er könne sich doch gar nicht vorstellen, was passiert sei.

Ich solle endlich mit diesem Karl aufhören, der ginge ihm langsam auf den Sack, und jetzt brauche er ein Bier und Zigaretten.

Wir fuhren auf die Raststätte Wonnegau bei Worms.

Ich solle mit ihm gehen und die Schnauze halten. Aber was hätte ich denn auch sagen wollen.

 

Karl würde nie Alkohol trinken, wenn er Auto fahre.

Noch einmal KARL und ich sei draußen.

Dabei waren wir noch gar nicht wieder drin, und ich fragte ihn, ob er ein Stück vom Frankfurter Kranz wolle.

Rasvan stand im Tigerhemd in der Kälte, trank Bier aus der Dose und rauchte.

Ich solle mal zeigen. Also machte ich den Kofferraum auf und hob den Deckel vom Tortenwunder.

Der Frankfurter Kranz habe nicht den geringsten Schaden genommen, sagte ich stolz, trotz der Raserei. Alle kandierten Kirschen befänden sich noch an Ort und Stelle.

Das war ihm wieder scheißegal, ich solle ihm einfach ein Stück geben.

Das dauerte ihm dann wohl zu lange, weil ich nicht wusste, wie ich das ohne Messer machen sollte. Er griff kurzerhand in den Kuchen und brach sich ein Stück heraus. Eine kandierte Kirsche rollte auf Karls Autodecke.

Ich war erst etwas beleidigt, weil ich mir doch solche Mühe gegeben hatte. Aber dann brach ich mir auch ein Stück heraus. Wir gruben unsere Finger abwechselnd in den ruinierten Geburtstagskuchen. Der Krokant machte knackende Geräusche zwischen den Zähnen. Die Hände waren buttercremeverschmiert.

Gut, sagte Rasvan.

Ich schwebte. Von dieser Leichtigkeit ließ ich mich ins Auto zurücktragen und sie half mir zu ignorierte, dass Rasvan seine klebrigen Hände im Autositz abwischte. Die meinen leckte ich ab und rieb mit einem Erfrischungstuch aus dem Handschuhfach hinterher. Erst dann griff ich nach dem Gurt. Dessen Unversehrtheit war mir offensichtlich immer noch wichtiger, als meine Sicherheit. Wir befanden uns schon längst wieder im fließenden Wochenendverkehr, während ich die optimale Gurtlänge zurecht zog und am Verschluss fummelte.

Ich sei einfach zu dick, ob er das auch so sehe.

Das sei ihm egal.

Dass es ihm nicht scheißegal war, ließ mich weiterschweben. Karl war das auch egal. Aber eben anders. Karl waren unpünktliche Mahlzeiten nicht egal.

Rasvan rauchte. Ich schaute ins Neuland, was mich allerdings flach und langweilig etwas enttäuschte.

Einige Felder lagen unter weißer Plastikfolie.

Spargel.

Spargel mit Kochschinken, Pellkartoffeln und Buttersoße . Keine Experimente, sagte Karl jedes Jahr.

Für mich fing das Jahr immer mit dem Spargel an. Von da an wiederholte sich alles.

Ob er weißen Spargel möge, fragte ich Rasvan.

Fleisch, … er zeigte auf den LKW der vor uns fuhr und Schweine geladen hatte.

Am Sonntag!

Vorsicht lebende Tiere war auf einem Schild zu lesen. Das verstand ich nicht, wo man doch auf dem Weg zum Schlachthof war.

Ich würde Spargel gerne einmal anders kochen, sagte ich Rasvan.

Dann mach doch…

Ob ich eine Zigarette dürfe, … ich überraschte mich selbst. Rasvan lachte und warf mir die Packung auf den Schoß.

Ich zündete sie etwas ungeschickt mit dem Zigarettenanzünder an. Sie schmeckte scheußlich, und der Rauch brannte auf der Zunge.

Ich müsse tief einatmen, sagte Rasvan, nahm sich auch eine und machte einen kräftigen Zug. Die Glut an der Spitze leuchtete auf.

Ich tat, was Rasvan sagte. Der Husten wollte gar nicht aufhören.

Karls Duftbäumchen pendelte im Dunst am Rückspiegel.

Wie es mit Geld sei, fragte Rasvan. Wegen Tanken.

Wie weit er denn noch fahren wolle. Ich rauchte tapfer weiter.

In Koblenz wohne Monika.

Ein giftgrünes Banner zwischen zwei entlaubten Birken gespannt forderte eine Grünbrücke für Wildtiere.

Ob man mehr Rücksicht auf mich nehmen würde, wenn ich ein Tier wäre …?

Geld, … oh, da müsse ich nachschauen. Ich jedenfalls hätte nur wenig im Portemonnaie. Aber Karl vielleicht …

Ich drückte meine Zigarette in den Aschenbecher und zog den Mantel vom Rücksitz. Da steckte tatsächlich seine Brieftasche drin. Karls Brieftasche in meinen Händen! Mir war nach einer zweiten Zigarette.

95 Euro, sagte ich, das wäre zu wenig.

Das reiche zum Tanken.

Ich aber wollte mehr.

Wir sollten nach Koblenz fahren, sagte ich zu Rasvan. Dort gäbe es sicherlich eine Sparkasse und Monika wohne in Koblenz. Eine Cousine.

Die Geheimzahl für die Automatenkarte sei im Handy als Telefonnummer gespeichert. Rasvan schaute mich kurz von der Seite an und verzog die linke Mundhälfte zu einem Lächeln. Ich nahm zufrieden eine aufrechte Haltung an.

Bitte nehmen Sie die Ausfahrt, verkündigte ich mit abgehackter Navigatorenstimme kurz vor der Abfahrt nach Koblenz Metternich.

Rasvan tat, was ich ihm sagte.

1000 Euro konnten wir abheben. Ich gab ihm die Hälfte, und dann war er auch schon weg. Ich wollte ihm noch hinterher rufen, dass er Karls Mantel behalten könne, aber das hätte er bestimmt nicht mehr gehört.

Zu Monika nahm ich ein Taxi.

 

Dienstag klingelte Karls Handy das auf dem Nachtschränkchen in Monikas Gästezimmer lag. Es war die Polizei aus Günzburg. Karls Auto habe man in Antwerpen gefunden.

In Antwerpen war ich noch nie. Antwerpen klingt gut. Vielleicht fahre ich nächste Woche mit Monika mal hin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eiszeit

Die Glasplatte des winzigen Tisches klebte ein wenig. Deutlich konnte sie die beiden kreisrunden Spuren der letzten Eisbecher sehen. Man würde sie wegwischen. Es war jetzt ihr Tisch. Sie schaute sich um. Sie war nicht die Einzige, und sie hoffte, man würde wahrnehmen, dass auch sie in diesem Eiscafe saß.

Als Kind bemühte sie sich gar nicht, an solch eine Möglichkeit zu denken. Sie sehnte sich ja auch nicht danach, auf dem Mond Murmeln zu spielen. Es kam selten vor, dass die Eltern den Kindern ein Eis versprechen konnten. Dann aber stürmte sie mit den Geschwistern den gläsernen Tresen. Sie standen auf Zehenspitzen oder zogen sich hoch und starrten auf die zahlreichen Sorten, die eine Entscheidung abverlangten. Eine wohlüberlegte. Niemand wollte leichtfertig handeln. Eine Kugel Glück gab es nicht alle Tage. „Wenn ich groß bin und Geld verdiene, dann bestelle ich mir einen Schwarzwaldbecher!“

270 DM monatlich gab es im ersten Lehrjahr. Zahltag war gestern. Gefeiert wurde heute. „Haben Sie schon gewählt?“ Die Serviererin hob kurz ihre kleine weiße Schürze, stopfte ihre Geldbörse in das darunterliegende schwarze Schürzchen und strich mit beiden Händen alles wieder glatt.

„Nein, … ich habe noch gar nicht reingeschaut.“ Sie nahm die bunte Eiskarte aus dem Ständer. Die Ecken waren lappig und ausgefranst, aber die Fotos weiterhin vielversprechend. In schnörkeligen Glaskelchen türmten sich Eiskugeln, dazwischen verkeilten sich Fruchtstückchen oder bahnte sich dickflüssige Schokoladen- oder Himbeersoße ihren Weg. Sahnehauben thronten mächtig weit über den Glasrand hinaus. Krokantstreusel oder Schokospäne sprenkelten das cremige Weiß, dicke klebrige Maraschinokirschen drohten darin zu versinken. Zur Krönung gab es bunte Papierschirmchen oder gestreifte Waffelröllchen. Automatisch fing sie an die Zunge gegen den Gaumen zu drücken und hin und her zu bewegen. Dann schluckte sie. Der Schwarzwaldbecher! Drei Kugeln Schokoladeneis, Sauerkirschen, Kirschlikör, Sahne.  5,20 DM

„Was darf ich Ihnen bringen?“ Die Bedienung drehte den Kopf in ihre Richtung während sie den Nachbartisch abräumte. „Hm, … “ Unentschlossenheit schien der jungen Frau nicht neu, ohne eine Antwort abzuwarten balancierte sie mit einem Schwung die leer gekratzten Eispokale in Richtung Theke.

Fünfmarkzwanzig.

Das eigene Geld fühlte sich an wie ein gutes Stück Freiheit. Wahlfreiheit. Nicht nur der Schwarzwaldbecher, alles von der Eiskarte war möglich. Sie musste nur entscheiden. Rauf und runter schickte sie ihren Blick, und als würde die Lösung in der Ferne liegen, schaute sie zum Fenster hin.

Am Fenster saß ein Ehepaar mittleren Alters. Die Tüten vom Einkauf standen zu ihren Füßen. Es waren viele Tüten. Die Stärkung im Eiscafe hatten sie sich offensichtlich verdient. Mit akrobatisch anmutenden Bewegungen platzierte die Serviererin die Traumkreationen vor die zufrieden lächelnden Gäste.

Unverkennbar. Früchte Spezial und Krokantbecher. Zusammen Zehnmarkachtzig. Zehnmarkachtzig … Schnell versenkte sie ihren Blick wieder in der Eiskarte, als könne sie darin verschwinden, unsichtbar werden und nicht mehr ansprechbar sein. „Sie sind mittlerweile fündig geworden?“ Sie zuckte zusammen, blieb tonlos weiterhin im aufgeklappten Hochglanzangebot versteckt und wünschte sich mit fest geschlossenen Augen nichts sehnlicher als ein Dahinschwinden von Bedienung und Nachfrage. Sie zählte bis zehn und spürte tatsächlich die Abwesenheit im Rücken. Dann zählte sie die Kugeln, die sie zum Preis des Schwarzwaldbechers am Straßenverkauf bekommen würde. Sie klappte die Eiskarte zu, steckte sie in den Ständer zurück, erhob sich vom Tischchen, was immer noch klebte, und verließ mit gesenktem Kopf und schnellem Schritt das kleine Lokal, um sich draußen in der Schlange einzureihen.

Mama Windel!

Ich muss mich diesem gejammerten Wunsch widersetzen – ich bin die angereiste Oma, und die hat sich angeboten, eine Woche den Alltag mit drei Kleinkindern zu übernehmen, weil der Papa zur Arbeit muss und die Mama ihre Prüfungen fürs zweite Staatsexamen in Jura ablegt. Die Kita lässt nur bis 9.00 Uhr ein, und das sind Vorgaben, die ich (nicht ganz uneigennützig) einhalten möchte.
Mit dem Weckerklingeln gegen 7.00 Uhr öffnet sich ein großzügiges Zeitfenster, welches ausreichen sollte, die drei aus den Schlafanzügen zu bekommen, Straßenkleidung anzulegen, bei der kleinen Nele die Windel zu wechseln, ein gemeinsames Frühstück einzunehmen, Zähne zu putzen, klebrige Münder abzuwischen und Schuhe und Jacken anzuziehen.
Aber da ist eine Hundertschaft von Comicfiguren die meine Pläne durchkreuzen, und gehörig am Zeitfenster rütteln.
Fuchs und Löwe auf der Wegwerfwindel fangen damit an. Ich entnehme den Lauten Fus und Löe den Auftrag, die beiden erst einmal zu zeigen, während ich wie ein Löwe brülle, und mir vornehme, im Laufe des Tages zu googeln, welche Töne Füchse von sich geben. Ganz schnell ziehe ich über mein vollbrachtes Werk den Body, auf dem sich im Brustbereich ein Kätzchen zwischen zwei Herzen tummelt.
Kasse, sagt die kleine Mia, und zeigt mit ihren kleinen, dicken Fingern drauf. Miau, rufe ich, und streife einen roten Nickipullover drüber.
KASSE!!
Der Nickipullover wird hochgeschoben und das Kätzchen freigelegt. Ich mache mit einer Hose weiter.
Bume!
Wo ist eine Blume?

Mia weiß das, und zeigt auf den Knopf. Blume und Kätzchen muss ich nun dauerbewundern, was mir mit dem Wunsch nach „Budda“ gelingt abzubrechen. Budda ist Brot, und Essen zieht immer. Ich ziehe ihr ein Lätzchen an.
Nein. Dodo an!

Ich frage Lena nach Dodo, die mit fünf Jahren ganz große Schwester ist, aber immer noch in ihrem Schlafanzug steckt. Wir suchen gemeinsam nach Dodo, einem Lätzchen in Form einer japanischen Comicfigur.
Ich wähne Klein-Mia zufrieden, sie aber schreit Anpanman, bevor ich dem vierjährigen Tobi erklären kann, dass man Mitte September keine kurzen Hosen mehr anzieht. Ehe der sich dagegen wehrt, erklärt er mir, dass Mia den Anpanman-Teller haben möchte, ein Plastikteil mit aufgedrucktem Kinderhelden aus Japan. Das Brot liegt schon demonstrativ auf der Tischplatte, der falsche Teller auf dem Boden.

Lena ist inzwischen nackt und räumt eine Kommodenschublade aus, damit sie sich aus dem Sortiment, was sich über das helle Laminat verteilt, was Passendes aussuchen kann. Zur Hello-Kitty Unterwäsche sucht sie die Socken, die scheinen aber in der Wäsche, was sie nicht tröstet. Ich biete ihr Socken mit der Maus an, dazu gäbe es auch ein Longsleeve-Shirt , was wir gemeinsam suchen, während Mia nach Milch schreit und Tobi heult, weil er seine Jacke nicht findet, die mit dem Plastikmonster am Reißverschluss. Er ist weiterhin in kurzen Hosen und denkt auch nicht daran zu wechseln, weil da Krokodile drauf sind und die beißen das Monster vom Reißverschluss. Ich ziehe ihm eine lange Hose über die Kurze, weil die Krokodile sich verstecken müssen, falls das Monster auch mal die Krokodile beißen will. Mia bekommt Milch von mir, allerdings reihe ich fünf Becher mit den unterschiedlichsten Motiven vor ihr auf, damit ich gleich den richtigen auffülle. Sie wählt den mit dem Frosch, auf den aber erhebt Tobi brüllend Besitzanspruch, den ich aber mit der zwischenzeitlich gefundenen Monster-Reißverschlußjacke beruhigen kann. Das Zeitfenster hat beachtlich an Größe verloren, dafür hat Lena ein Kleid gefunden, womit die Sockenfrage geklärt wäre, allerdings noch eine Strumpfhose aufgetrieben werden muss. Das Suchen muss ich Lena überlassen, weil Tobi jetzt ein Frischkäsebrot mit Himbeermarmelade verlangt. Auch hier möchte ich bei der Tellerwahl nicht scheitern, der verfügbare Stapel scheint mir aber doch zu hoch, um eine Auswahl auf den Tisch zu bringen. Prinzessinnen, Tigerente, Frosch, Kleiner Bär, ganz viel Japanisches, Punkte und Blumen. Er möchte den Frosch, was mir einen kleinen Adrenalinstoß verpasst, weil der Froschbecher doch schon in fremden Händen ist. So schütte ich wortlos Milch in ein Glas mit blauen Punkten. Es geht!
Lena kommt mit der Strumpfhose, die sie nicht alleine anziehen kann, und während ich Bein für Bein zusammenraffe, damit der Kinderfuß flugs einsteigen kann, erklärt sie mir, dass sie kein Brot, sondern Haferflocken mit Joghurt möchte. Das Schalensortiment schlägt die Tellerauswahl um Längen und ich befürchte zusätzlich einen Nachahmeeffekt.

Mehr…! Schon schiebt die kleine Mia ihren Teller von sich und besteht ebenfalls auf Haferflocken. Durchs Zeitfenster fällt nur noch ein Hoffnungsschimmer.
Ich greife durch. Alleine schon der bebilderten Besteckauswahl wegen. Lena bekommt ein Butterbrot in die Hand und Milch aus einem Glas mit grünen Punkten. Ich erfahre schreiend, dass die grünen Punkte Tobi gehören, dabei belasse ich es aber. Es geht jetzt um Schuhe und Jacken, und zwar schnell und meinerseits kampflos. So läuft Mia mit den zu klein gewordenen Sommersandalen los, Tobi besteht auf eine viel zu dünne Regenjacke und Lena nimmt die schmutzige Lieblingsjacke aus dem Wäschekorb.
Die Haare sind nicht gekämmt, die Zähne nicht geputzt, ich hatte kein Frühstück, aber Gott sei Dank noch Tempos in der Tasche, um die klebrigen Münder abzuwischen, bevor ich auf die Klingel am großen Tor drücke und um Einlass bitte. Es ist eine Minute vor neun. Wir sind noch nicht zu spät!