Juni

Heute waren wir in Pescara.

Nicht, weil die Stadt eine Reise wert wäre, sondern, weil sie einen Flughafen hat und wir dem Besuch zugesagt hatten, ihn abzuholen. Die Ankunftszeit kam uns entgegen, ein ganzer Tag lag vor uns, den wir den Abruzzen widmen wollten. Wir fuhren vierzig Kilometer über die Flughafenstadt hinaus, wegen der Trabocchi, den Pfahlbauten die man einst ins Meer gesetzt hatte, um den Fischfang zu optimieren. Einige wurden über die Jahre zweckentfremdet. Jetzt sitzt man drinnen und ißt Fisch. Wir auch. Um das Menü kam man nicht herum. Drei Stunden, dreizehn Gänge, die letzten vier haben wir uns einpacken lassen. Der Wein war inclusive. Zum Sightseeing waren wir nicht mehr in der Lage. Während wir im Auto den Ankunfstzeiten entgegenschliefen, zog ein ordentliches Gewitter über uns hinweg. Wir erzählten dem Besuch, dass das der Grund gewesen sei, warum wir nicht mehr von den Abruzzen mitnehmen konnten. Finde ich gar nicht so unrealistisch …

++++

Heute habe ich Rosen geschnitten.

Das werde ich auch morgen tun und übermorgen und … Wir haben viele Rosen in unserem Garten in Italien. Wenn sie blühen, können wir uns daran sattsehen. Wenn sie verblüht sind, gibt es richtig Arbeit. Nicht wie in den Rosamunde Pilcher Filmen (die schauen wir uns gelegentlich auf italienisch zum Sprachtraining an), wo die Hausherrin mit Strohhut auf dem Kopf und Körbchen in der Hand über den taufrischen Rasen schreitet und zum Schnitt ansetzt. Ich bin mit der Schubkarre unterwegs und träume lediglich vom Buttler, der mir eine Tasse Tee vorbeibringt. Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken …

++++

Heute habe ich Gäste.

Ich brauche Seeteufel, möchte ihn frisch kaufen, mache mich am Morgen auf den Weg. Der direkte ist gesperrt, weil ein schweres Einsatzfahrzeug all das abschneidet, was an Vegetation auf die Fahrbahn ragt. Ich ignoriere das Durchfahrtverbot, verlasse mich auf mein deutsches Nummernschild, aber man nimmt keine Rücksicht, ob ich nun verstehe oder nicht: ich werde ausgeschimpft. Im nächstgelegenen Supermarkt gibt es keinen Seeteufel. Ich fahre weiter, wegen der Erdbeeren zum Nachtisch vom Bauern, will aber vorher noch tanken, weil mir das mein Mann aufgetragen hatte. Die Schlange an der Tanke reicht schon knapp auf die Straße, ich würde also als nächste den Verkehr zum Erliegen bringen und beschließe die Sache mit dem Benzin auf der Rückfahrt zu erledigen. Der Bauer hat keine Erbeeren mehr, “devi venire presto la mattina” und weil der frühe Morgen aber schon um ist, fahre ich ein Stück weiter zur bekannten Gärtnerei, weil mir eine Geranie fehlt. Hier würde ich auch am frühen Morgen kein Glück mehr haben, es gibt einfach keine Geranien mehr. Auf der Rückfahrt steht ein alles einnehmender LKW an der Tankstelle. Dann hat mein Mann eben Pech gehabt, denke ich und bin glücklich im übernächsten Supermarkt auf Seeteufel zu stoßen. Am anderen Ende der kleinen gesperrten Straße (sie bedeutet eine enorme Abkürzung für den Nachhauseweg!) steht kein Schild mehr, aber ein Lieferwagen. In der Annahme, dass man mit der Säuberung schon durch ist, setze ich den Blinker, aber der Mann vom Lieferwagen winkt ab und erklärt mir die Alternative. Die kenne ich und weil auf der Strecke viel Zeit zum Nachdenken bleibt, fällt mir ein, dass ich von der Nachbarin noch Eier mitnehmen könnte. Die Nachbarin ist nicht da …

Ich weiß, das hätte mir auch überall auf der Welt passieren können, aber es ist mir in Italien passiert. Mein italienischer Alltag eben …

++++

Mein Freund der Baum ist tot …

Die Aprikosen liegen auf der Wiese. Er hat es nicht mehr geschafft, sie zur Reife zu bringen. Monilia heißt die Krankheit, auf deutsch Spitzendürre. Ein Glas der geliebten Aprikosenmarmelade vom Vorjahr steht noch im Regal. Ein Andenken, das wir sparsam auf den Frühstücksbrötchen verstreichen werden.

… er fiel im frühen Morgenrot … sang Alexandra. Bei uns wird er im Herbst fallen und uns im Winter ein paar Tage wärmen, wenn wir im Kamin die Feuerbestattung vornehmen.

Du wirst dich nie im Wind mehr wiegen …

++++

Was heißt eigentlich besucherfreundlich?

Meist handelt es sich um Gebäude, die besucherfreundlich gestaltet sind. Vor drei Tagen habe ich in unser Gästeapartment reingeschaut. Eigentlich musste ich nicht reinschauen, weil mir vor der Tür schon klar wurde, was mich drinnen erwarten wird. Manchmal freut man sich, wenn Erwartungen erfüllt werden. Aber eben nicht immer. Bis heute habe ich daran gearbeitet, all das zu entfernen, was sich dort über die Wintermonate eingenistet hatte. Ein Haus muss bewohnt werden, sonst verkommt es.

Morgen kommt Besuch.Der bewohnt dann, was ich besucherfreundlich gestaltet habe …

++++

 

++++

Trotz angesagtem Besuch: es muss weitergehen …

Während das Ossobuco für den Abend im Ofen schmort (das darf es Gott sei Dank über zwei Stunden), fuhren wir heute mehrmals zum Wertstoffhof centro di riciclaggio und haben die erfrorenen Teile des Oleanders säckeweise in dem dafür vorgesehenen Container entsorgt. Mein Mann säubert die Büsche unermüdlich. Die Hoffnung, dass die Äste mit dem braunen Blattwerk nach dem Schnee im Winter sich im Frühjahr wieder ins Leben zurückmelden, starb dann wirklich zuletzt. Unser mediterranes Buschwerk schaut jetzt amputiert aus, bemüht sich aber am Restgeäst um Blüten. Die Hoffnung stirbt doch zuletzt …

Juli

Feigenmarmelade schmeckt langweilig.

Weil keiner von uns langweilige Marmelade essen möchte, haben wir die Früchte in den letzten Jahren ausschließlich roh gegessen. In diesem Jahr kommen wir mit dem Rohessen nicht hinterher. Die Äste biegen sich unter der Last und auch ich musste mich beugen und mich der Verwertung stellen, wenn ich sie nicht gleich kompostieren wollte. Der Langeweile setzte ich Kreativität entgegen. Dabei halfen mir Orangen, Zitronen, Pflaumen, Erdbeeren, frischer Ingwer, kandierter Ingwer, Rotwein und Lavendel. Mir scheint, dass wir über Jahre davon zehren werden, und ich mag nicht auf den zweiten Baum schauen, der uns ab Mitte August mit seinen Früchten beglücken wird. Es kommt jedes Mal einer Drohung gleich, wenn ich dran vorbeilaufe …

++++

Das erste Mal in diesem Jahr am Strand.

Lediglich als Strandläufer. Danach Wocheneinkauf getätigt und schnell wieder nach Hause, um mich um die Zucchini zu kümmern.

Irgendwas machen wir falsch …

++++

Zucchini schreibt man mit Z.

Das ist der letzte Buchstabe im Alphabet und auch das Gemüse rangiert bei uns an letzter Stelle, wenn ich Lieblingssorten aufzählen sollte. Zucchini stehen nie auf meinem Einkaufszettel, aber wenn die Gartensaison beginnt, kommen bei uns drei Pflänzchen in die Erde. Drei, weil wir zwei durchbringen wollen, denn in der Regel verabschiedet sich eins, bevor es wunderbare Blüten treibt. Die verbleibenden zwei liefern dann den ganzen Sommer hindurch und ich glaube, es ist die Zuverlässigkeit und das daraus resultierende Erfolgserlebnis, das das Pflanzen zur Zwangshandlung werden läßt.

In diesem Jahr erlebt das Ganze eine Steigerung. Zum einen sind alle drei Pflanzen durchgekommen, zum anderen wollte mein Mann die freie Fläche, wo die alten Erdbeeren weichen mussten, nicht brach liegenlassen und kaufte zwei weitere Pflänzchen die jetzt hinterherwachsen und die Erntezeit verlängern würden, was er mir nicht ohne Stolz mitteilte. Möglicherweise dachte er dabei nicht an die Konsequenzen, die er nun täglich mittragen muss. Zucchinisuppe, Zucchinirisotto, Zucchiniflan, Zucchinifrittata, Zucchini gefüllt, Zucchini im Salat.

Gerne würde ich welche einfach nur verschenken. Es gibt aber niemanden, der dankbar wäre. Heute fragte mich meine Nachbarin, die, die das mit dem chinesischen Neujahr nicht versteht, ob ich Zucchini haben wollte. Jetzt kann ich meine Nachbarin nicht verstehen …

++++

Fünfundzwanzig gefahrene Kilometer, zerkratzte Beine, eine verlorene Sonnenbrille, ein Sommerkleid bestückt mit über einer Million kleiner Kletten, 350 Milliliter Holunderbeerensaft.

Das ist keine gute Bilanz. Ich war zu spät in diesem Jahr. Musste mich durch ein Sonnenblumenfeld schlagen, um an meine „Jagdgründe“ zu gelangen. Die Dolden hingen schlaff an den Büschen, die meisten Beeren vertrocknet, die noch brauchbaren in unerreichbaren Höhen.

Vier Gläser Marmelade, aber auch nur, weil ich die fehlende Fruchtmenge mit Fremdobst ergänzt habe. Zur Kompensation schnitt ich großzügig Sonnenblumen vom Feld für die Vase. Ich weiß, der Bauer kann nichts dafür, …

++++

Bevor wir eine Katze hatten, hatten wir jede Menge Eidechsen.

Die Menge hat sich gewaltig reduziert und die Hälfte vom Rest hat keinen Schwanz mehr. Das liegt an unserer Katze, die hinter allem her ist, was sich bewegt. Und weil die Eidechsen das wissen, werfen sie bei Gefahr ihren Schwanz ab, der dann körperlos rum zuckt und die Aufmerksamkeit der Katze auf sich zieht, während sich der andere Teil aus dem Staub macht.

Das gelingt leider nicht immer …

++++

Diese Temperaturen nenne ich human, also erträglich. Wir sind zufrieden mit diesem Sommer, in dem wir lediglich die Medikamente in den Keller bringen mussten, weil sie im Schnitt eine Lagertemperatur über 25 Grad nicht mögen. Wir hingegen „lagern“ weiterhin ganz entspannt in unseren Betten, mussten noch nicht mit den Matratzen zu den Medikamenten umsiedeln. Das Leid der Freunde und Familie in Deutschland können wir nachvollziehen. Ein Jahrhundertsommer.

Vielleicht machen die Italiener in Zukunft Urlaub an der Ostsee …

++++

Unsere Enkelkinder sind da.

Ich liebe meine Enkelkinder und meine Enkelkinder lieben unseren Pool, aber auch ihre Oma. Die muss dann mit ins Wasser und darf nicht raus, weil sie ja noch keine blauen Lippen hat, … der Indikator der mitgereisten Eltern für ihren plantschenden, schwimmenden und tauchenden Nachwuchs. Dass das Schrumpeln meiner Finger keine Steigerung mehr erfahren kann, interessiert sie nicht.

Die dürfen sich wieder entfalten, wenn wir wandern. Das machen die drei (7,6,4) ganz wunderbar! Ob Höhenmeter oder Strecke (da schüttelt so manch entgegenkommender Wanderer den Kopf), ein Durchhaltevermögen wie im Wasser…

++++

Aus Erfahrung würde man klug werden, heißt es.

Als Kind durfte ich berechtigt in Panik verfallen, wenn die Bauern die Felder pflügten. Das war ein sicheres Zeichen, dass der Sommer vorbei war. Hier in Italien wird schon im Juli die Erde mit schwerem Gerät umgebrochen. Angefangen bei den Stoppelfeldern, die dann braun und mit aufgeworfener Scholle das Landschaftsbild verändern. Auch wenn ich drum weiß, dass der Herbst noch in weiter Ferne liegt, die Panik aus Kindertagen ploppt auch heute noch auf, wenn das monotone Geräusch der Maschinen tagelang die Hügel vertont.

Heißt das jetzt, dass ich blöd bin?

++++

 

August

++++

Nach dem Besuch ist vor dem Besuch.

 

++++

Wir warten auf Regen.

Das tun wir jedes Jahr während der Sommermonate. Mal mehr, mal weniger. Momentan mehr. Hauptsächlich wegen der Pflanzen in unserem Garten. Wir können sie nicht alle wässern. Manche müssen durchhalten, während wir Mitleid entwickeln, was allerdings, wie so oft im Leben, nicht wirklich hilft …

Es regnet!

Achtundvierzig Liter in fünfundvierzig Minuten. Das sind aufgerundet fünf Gießkannen auf einen Quadratmeter. Flächendeckendes Glück. Wir waren den Tränen nah. Hätten wir sie laufen lassen, hätte ich nicht aufrunden müssen …

++++

Ferragosto.

Das dazugehörige Datum ist der 15. August. Großzügig betrachtet sind es 2-3 Wochen, die sich um diesen Tag gruppieren, und in denen der Großteil der Italiener seinen Sommerurlaub verbringt.

In diesem Zeitraum ist es ratsam von einem Strandbesuch abzusehen, man würde eh kaum eine Liege, geschweige denn, Schatten bekommen. Das Lieblingsrestaurant sollte man meiden (es könnte seinen Status verlieren!), überhaupt sollte man es vorziehen, zuhause die Mahlzeiten zu sich zu nehmen, der Ansturm geht in der Regel zu Lasten der Qualität.

In diesen Wochen sollte man sich auch nicht zum längst fälligen Frisörtermin durchringen (auch Luigi, Luca, Fabio oder wie immer sie heißen, werden irgendwo in der Sonne liegen), Zahnschmerzen am besten aussitzen. Rohrbrüche, Kabelbrände, Blech- oder Dachschäden (generell unwillkommene Zwischenfälle) werden zu Ferragosto zur Katastrophe.

Alle Welt liegt am Strand, ein geringerer Teil zieht die Bergwelt vor, … sprich, der Italiener ist unterwegs, das normale Leben befindet sich im Ausnahmezustand.

++++

September

Spätsommertage

Die Landschaft ist braun, das Licht milde, das Restgrün leuchtend, die Temperaturen moderat, das Haus endlich wieder runtergekühlt, die Tage kürzer, die Nächte durchschlafen, …  die Trauer groß.

Endlich ist alles so, wie ich es ersehnte, als es vor der großen Hitze kein Entkommen gab. Warum dann trauern? Es ist wohl das Wissen um den Abschied und die Furcht vor der kalten Jahreszeit.

Ich sollte den Kopf nicht so hängenlassen, wie die Sonnenblumen, die wie Unschuldige in der Gegend rumstehen und aufs Geköpftwerden warten.

Ich sollte die Spätsommertage genießen, die bis weit in den Oktober hineinreichen können. Ich sollte mich freuen …

Tu ich doch!

++++

 

Es tut sich was.

Was lange währt … unser Stromanbieter hat sich nach langem Kampf offensichtlich zum Ausbau des Netzes durchgerungen. Man hat Material abgeladen. Zwei Masten aus Metall liegen im abgeernteten Sonnenblumenfeld. Schritt eins …

++++

Endlich Urlaub! Sardinien … und ohne Worte!

++++

++++

Aufgestellt und ausgepackt.

Welch eine Freude, keine Trauer, weil der Urlaub vorbei ist.

Wird nun endlich alles gut, was solange währte? Das Feld gepflügt, die Masten stehn, dann wird das mit dem Strom bald gehn.

Oktober

++++

Heute habe ich Feuer im Kamin gemacht.

Auch mein Pappmache-Mann schaut traurig aus. Dauerregen zum ersten Oktober. Viel zu früh. Ich möchte noch keine Wollpullover tragen und ich möchte mir auch nicht anhören müssen, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur falsche Kleidung …

Das Öl ist in Dosen!

Zugegeben, wir waren nicht so gleichgültig, was die Beobachtung der Entwicklung unserer Oliven angeht, wie ich das im Mai erwähnte. Wir mussten in den Sommermonaten feststellen, dass nicht alle Bäume gleich trugen, manche sogar gar nichts. Das hatte mit der Frostnacht im März zu tun, die hatte Schäden hinterlassen. So war nicht sicher, ob wir die geforderte Mindestmenge von vier Zentnern für die Ölmühle zusammenbekommen. Und als wir die ersten Olivenfliegen sichteten, ging es nur noch darum, ihnen zuvorzukommen. Das heißt, wir haben die Ernte vorverlegt. Drei Tage haben wir von Hand gepflückt. Ein knappes, aber ausreichendes Ergebnis bescherte uns fünfunddreißig Liter Öl. Klingt viel, ist aber wenig für all die Mühen, die dahinterstecken. Dann frage ich mich immer, was sich in den Literflaschen beim Discounter für 6,25 € befindet. Bio Olivenöl nativ extra? So zumindest steht es auf dem Etikett …

++++

++++

Gestern war ich im Kino.

Da ich nun schon mal im Städtchen war, besorgte ich Knöpfe im Kurzwarenladen und brachte ein Bild zum Rahmen. Das Personal trug wattierte Anoraks, der Herbst hatte auch in den Läden Einzug gehalten. Beim Glas Wein und den Stuzzichini in der Bar behielt ich meinen Mantel an und zog ihn auch im Kino nicht aus. Das war nicht der Grund, warum ich mal wieder nicht alles verstanden habe …