KATERSTIMMUNG

Haben die denn immer noch nicht auf dem Schirm, dass wir Katzen Gewohnheitstiere sind? Haben die in all den Jahren noch nicht bemerkt, wie stressanfällig ich bin? Jetzt steht dieser dämliche Baum mitten auf meinem Weg zum Sofa, nachdem er zwei Wochen auf der Terrasse lag. Dort hat er mich auch schon gestört, aber hier drinnen stört er mich mega. Ich brauche meine festgelegten Routen, aber Robert und Birgit brauchen offensichtlich einen Weihnachtsbaum.  An den hängen sie jetzt rote und goldene Kugeln und fuchteln immer wieder mit einer vor meinem Gesicht herum. Was soll das? Wollen die mich ärgern oder glauben sie, mich bespaßen zu müssen? Ich bleibe mal ganz bewusst teilnahmslos auf dem Sofa liegen, dieses jährlich wiederkehrende Affentheater geht mir sowas von auf die Nerven! Die Wiener Sängerknaben rauf und runter, ein Stück Wald auf dem Parkett und ein Weihnachtsmann aus Holz, der raucht. Im Wohnzimmer raucht er und er raucht Kette. Warum geht der nicht mit Robert auf die Terrasse zum Rauchen?  Tanne, Weihrauch, Sandel oder Myrrhe fragt Birgit jedes Mal, wenn kein Rauch mehr aus dem roten Fettsack rauskommt. Wenn Robert dann Myrrhe sagt, ist das ein massiver Angriff auf meine Geruchsnerven. Was hat er denn, unser Moritz fragen sie dann (muss man mir ansehen) und kraulen mir zwischen den Ohren auf dem Kopf herum. 

Momentan wird Tanne vom Glühweingeruch überlagert und der mischt sich mit der Gans, die seit heute Morgen im Ofen liegt. Wegen der Niedrigtemperaturmethode. Sieben Stunden bei achtzig Grad! Darüber haben sie gestern fast genauso lange diskutiert. Hauptsache ich bekomme die Leber von dem Vogel! Tradition ist Tradition und die sollte bei der Leber nicht vernachlässigt werden.

Das ist doch Feuer!  Die beiden sollten das im Griff haben … ah, ist nur der Zuckerhut, der brennt. Alle Jahre wieder … Liegt quer über dem Topf mit dem Glühwein. Der Rum, den Robert ständig draufkippt, soll wohl als Brandbeschleuniger fungieren. Birgit ist das zu viel vom Vierundfünfzigprozentigen. Der Zucker müsse komplett verschwunden sein, meint Robert. Das ist jetzt der Fall, … aber auch die Hälfte vom Inhalt der Rumflasche ist verschwunden. Das Zeug scheint ihnen zu schmecken. Ist mir fast peinlich, wie sie rumgickeln und die Lichterkette an den Baum fummeln.

Überraschung! 

Muss sie dabei so schreien?  Sind das nicht Hühnerfedern? Natürlich sind das Hühnerfedern, die Birgit dem Engel in den Rücken steckt. Der ist neu, den kenne ich nicht. Aha, soll auf der Baumspitze thronen … ist zu hoch. Wenn das mal gutgeht mit dem umgedrehten Papierkorb auf dem Hocker! Ach du scheiße … so, das habe ich mir gedacht, … jetzt liegen sie beide neben der Tanne! Und was gibt es dabei zu lachen? Ich könnte lachen, so blöd wie Robert sich anstellt, um sich auf seine Birgit zu wälzen. 

Du bist mein Engel …

Hoffentlich rammt er ihr keine Hühnerfedern in den Rücken!

Unser Moritz guckt so traurig …

Euer Moritz guckt besorgt, weil die sieben Stunden Niedrigtemperatur schon abgelaufen sind!

Der wird sich bald gaaaanz doll freuen! Diese kleine, süße Maus ist mit Baldrianwurzel und Dinkelspelz gefüllt. Baldrian soll den Spieltrieb anregen und mit dem Baldrianspray können wir sein altes Spielzeug besprühen, das macht ihn dann ganz scharf … auf sein Spielzeug natürlich!

Leute, ich bin auf die Leber scharf! Kommt mal wieder auf die Beine und kümmert euch ums Wesentliche! Damit meinte ich jetzt nicht die Feuerzangenbowle … hallo!!

Ich bin auch ganz scharf …

Robert … doch nicht vor Moritz!

Den lenken wir mal kurz ab …

Ahhiii … ja, spinnt der denn? Hat der Trottel denn ne Vorstellung, wie das Zeug in den Augen brennt? Das gibt eine Anzeige beim Tierschutzverein! Eine volle Ladung Baldrianspray mitten ins Gesicht!  Meinen Spieltrieb wollen sie wecken? Können sie haben. Nur ein Sprung … und ich pflücke euch den dusseligen Engel von der Baumspitze!

 

FRISCHER WIND

Die Hitze hatte nun auch das Schlafzimmer erreicht. Ein fensterloser Raum, in dem das Tageslicht keinen Zutritt hatte, es aber auch den unerträglichen Temperaturen bisweilen schwer gemacht wurde, einzudringen. Clara saß auf der Bettkannte und wollte daran glauben, dass die Abwesenheit von Licht Kühle hinterlassen könnte. Im Mietvertrag wurde von einem halben Zimmer gesprochen, eine rein rechtliche Angelegenheit, da es keinen Blick nach draußen gab. Dreiundvierzig Quadratmeter für vierhundertsechzig Euro kalt. Mehr wollte sich Clara nicht leisten. Eine Übergangslösung ohne an Zukunft zu denken, nachdem das Zusammenleben mit Leo ein ‒ zumindest für sie ‒ unfreiwilliges Ende genommen hatte.

Dass es keinen Blick nach draußen gab, störte Clara momentan wenig. An Draußen mochte sie gar nicht denken, denn seit vier Wochen brannte die Sonne gnadenlos vom Himmel und heizte die Stadt ein. Der Schweiß rann in Bächen an ihrem Rücken herunter, das dünne Sommerkleid mit dem großen Blumenmuster klebte auf der Haut. Apathisch starrte sie auf die restlichen Umzugskartons, die noch dort herumstanden, wo sie sie vor gut einem Jahr abgestellt hatte. Bisweilen vermisste sie den Inhalt nicht, Leo allerdings vermisste sie immer noch. Der wird sie mittlerweile vergessen haben, die Frau, die für eine Physikerin viel zu sexy sei, wie er sagte, die das Zeug zum Model hätte, wenn sie denn über die richtige Größe verfügen würde. Leo, der Optimierungsfanatiker, der als frischgebackener Volljurist sofort eine Anstellung bei einer Großkanzlei bekam. Leo, der es liebte, Lücken zu finden. Nicht nur in Gesetzen. Und Leo fand Anne. Und Anne war groß.
Frischer Wind für Ihr Zuhause
In blauen Lettern diagonal aufgedruckt. Der gehörte nicht zu ihren Kartons, stand eingeklemmt in der unteren Reihe und war ihr bisher gar nicht mehr aufgefallen. Clara musste allerdings nicht lange grübeln, erinnerte sich an das Umzugschaos vor einem guten Jahr und an den Mann in der gelb-roten Jacke von DHL. Der Nachbar von oben sei nicht da, ob sie … Clara wollte nicht diskutieren und krakelte ihren Namen auf das verkratzte Display. Warum hat der Nachbar das Paket nie abgeholt? Würde es nach so langer Zeit überhaupt noch abgeholt werden?
Frischer Wind für Ihr Zuhause
Den konnte sie gebrauchen. Generell. Sie barg ihr schweißnasses Gesicht in beiden Händen. Gibt es in solchen Fällen eine Verjährung? Gehört das Paket möglicherweise schon mir? Leo könnte ihr die Frage sicherlich beantworten. Leo. Der Weltschmerz legte sich über die offene Frage und gerne hätte sie jetzt mit Cordula telefoniert, aber die befand sich gerade konsequent offline zur Sommerfrische an der Ostsee. Cordula hätte die rechten Worte des Trostes gefunden, war damals die Klassenbeste in Deutsch, erkannte aber keinen Sinn darin, den freien Fall einer Handtasche von einem dreiundvierzig Meter hohen Turm mittels Diagramm und Gleichung zu bestimmen. Clara dagegen kümmerte sich mit Leidenschaft um die Berechnung der Geschwindigkeit und Beschleunigung in Abhängigkeit der Zeit. Sie waren die Gegensätze, die sich anzogen. Bis heute. Zum Schweiß gesellten sich Tränen und als auch noch die Nase anfing zu laufen, schnäuzte sie in den feuchten Rock ihres Sommerkleides und rutschte auf Knien auf das Paket zu.
Dr. Elias Machold
Sie hatte nie aufs Klingelschild geschaut, überhaupt kannte sie kaum jemanden in diesem Mehrfamilienhaus. Ein Doktor, dachte sie, einer, der auch nicht viel Geld für die Miete aufbringen möchte. Clara versuchte den Anfang des Klebebands zu erwischen, aber mit den verschwitzten Fingern funktionierte das nicht. Erst als sie das Küchenmesser einsetzte, klappte es und sie erkannte gleich, nachdem sie das Styropor entfernt hatte, dass es ein Ventilator war. Sie freute sich so sehr darüber, dass die Besitzerfrage zur Nebensache wurde. Vier Geschwindigkeitsstufen, den Schwenkmodus stellte sie aus und verharrte mit geschlossenen Augen in dem erlösenden Luftstrom.
Es dauerte, bis sie das Klingeln bemerkte. Unwillig erhob sie sich von ihrem Bett und schlurfte zur Haustür. Sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um mehr zu sehen, als eine kakifarbenen Shorts über deren Bund ein ungebügeltes T-Shirt hing. Weiter oben sah sie die Hand, die mit einem Zettel winkte und dann kamen die dunklen Locken und ein sympathisches Lächeln im braungebrannten Gesicht.

„Muss hier abgegeben worden sein für … Entschuldigung, Elias Machold aus dem Dritten … allerdings vor einem Jahr!“ Aus dem Lächeln wurde ein Lachen.

„Zwölf Monate Afrika. Ärzte ohne Grenzen.“ Vor zwölf Monaten hätte die Luft genauso gestanden wie heute. Bevor der bestellte Ventilator kam, sei er schon weggewesen. Ein kurzfristiger Abruf von langer Dauer.

Clara wollte ihm erklären, dass Luft nicht wirklich steht, wegen der Moleküle, die immer in Bewegung sind, hätte aber nicht viel geholfen, sich vor einem Geständnis zu drücken. Rückwärts trippelte sie in ihre Wohnung zurück und hatte nichts dagegen, dass der Nachbar aus dem Dritten folgte. Bis ins halbe Zimmer folgte er ihr, in dem der Ventilator summte und Clara zeigte auf das verstreute Verpackungsmaterial.

»Gerade erst ausgepackt, ich dachte an Verjährung.«

Das Lachen vom Doktor war ansteckend und Clara hatte das Gefühl, überhaupt von ihm infiziert worden zu sein. Eine Blitzinfektion, die die Symptome des schlechten Gewissens aus dem Weg geräumt hatten. Sie stand im Luftstrom, der gegen die aufsteigende Hitze von innen nichts ausrichten konnte und der Nachbar aus dem Dritten schaute auf die teils verzerrten, großen Blumen, unter denen sich Claras Körperformen abzeichneten.

»Ich bin zwar kein Jurist, aber ich glaube, Eigentum bleibt immer Eigentum, es sei denn es verpflichtet. In diesem Fall habe ich allerdings das Gefühl, dass es hier in die Pflicht genommen werden sollte.“ Er stellte sich neben Clara in den kühlenden Luftstrom und Clara war froh, dass er kein Jurist war.

»Kommt bei Ihnen oben überhaupt was an?«

»Elias ist schon ok. Und nein, oben kommt nichts an.«

»Dann lass uns setzen.« Sie zeigte auf das Bett im Rücken. »Ich bin Clara.«

Ohne sich anzuschauen saßen sie da, den Blick auf den Ventilator gerichtet. Der Großteil der Luft blies zwischen den beiden hindurch, aber keiner dachte ans Zusammenrücken und so war es der Schwenkmodus, der es möglich machte, den Abstand aufrechtzuerhalten.

»Ein ganzes Jahr lang verbrachte dein Paket zwischen meinen Kisten.«

»Und deine Kisten? Stehen die aus Solidarität hier noch rum?«

Der Ventilator bewegte sich hin und her, wie die Köpfe der Zuschauer bei einem Tennismatch. Die Köpfe der beiden blieben starr nach vorne gerichtet, während Clara anfing, von ihren Kisten zu erzählen. Sie hörte gar nicht auf, redete immer noch, als schon der Lichtstreifen verschwand, der vom kleinen Flur ins halbe Zimmer fiel.

»Und du? Wie schaut dein Leben aus?«

Unabgesprochen drehten sie sich die Gesichter zu und unabgesprochen rückten sie im Schutz der Dunkelheit näher zusammen und wieder ganz ohne Absprache fanden sich die Lippen und Clara musste sich gedulden, etwas über Elias‘ Leben zu erfahren.

Clara war geduldig. Sehr sogar. Die Ganze Nacht war sie geduldig und erst, als sie vom Schnurren des Ventilators geweckt wurde, fragte sie: »Und dein Leben? Wie schaut dein Leben aus?«

Das war ein bewegtes Leben mit kurzen Unterbrechungen, eins, dem gerade eine Unterbrechung zustand, eins, das in drei Monaten in Asien seinen Einsatz finden würde.

Clara drehte sich weg und zog das Leintuch über ihren nackten Körper.

»Hey, ich bin doch noch nicht aus der Welt!« Elias rüttelte sanft an ihrer Schulter und Clara zog sich das Leintuch über den Kopf.

»Jetzt bin ich erstmal im Dritten. Du weißt ja, wo du klingeln musst.« Er zog sich an und dann die Tür hinter sich zu.

 

Clara klingelte eine Woche lang nicht. Warum auch. Asien lag ja nicht um die Ecke. Als es anfing zu regnen, klingelte sie. Wegen der Nachricht im Briefkasten. Den Ventilator darfst du behalten. Elias  Eine Handschrift wie sein Lächeln.                                                                                                                        Clara klingelte mit dem Ventilator unterm Arm. »Ich mag ihn nicht behalten,« sagte sie »vielleicht kannst du ihn in Asien gut gebrauchen.«

»Würdest du mitkommen?«

»Nach Asien? Spinnst du?«

»Gepackt hast du doch schon.« Er grinste.

»Ich kenne dich doch kaum …«

»Ich dich auch nicht. Eine Woche kein Klingelzeichen, … ich glaube, wir haben beide gelitten.«

»Und was soll ich dort machen?«

»Die Dinge fügen sich, du solltest gar nicht darüber nachdenken.«

Als Physikerin glaubte Clara nicht an Fügung, trotzdem nahm sie seine ausgestreckte Hand und kurze Zeit später halfen auch keine Formeln mehr.

Elias hatte Recht. Gepackt hatte sie ja schon.

 

 

 

 

 

SÖREN

 

Marlene hatte neunundzwanzig Gäste eingeladen. Mit ihr waren es dann so viele, wie Kerzen auf der Torte, die Klara für sie gebacken hatte. So was machen beste Freundinnen. Die trösten nicht nur bei Liebeskummer. Wäre Toben noch an ihrer Seite, hätte sie eine Einladung weniger verschicken müssen. Pro Lebensjahr ein Gast. Eine Regel aus Kinderzeiten.Von der wollte sie sich nicht verabschieden.

Toben hatte sich verabschiedet. Der schlingt seit einem halben Jahr seine starken Arme, die so unerwartet zärtlich sein konnten, um eine Sarah. An dem Tag, als Toben seine letzten Sachen abholte, hatte Marlene Hagali zertrümmert. Hagali von Ikea war das erste Möbelstück ihrer ersten gemeinsamen Wohnung. 140×200. Die richtigen Maße für gewünschte Nähe.

Seitdem schläft Marlene auf der Matratze. Bei gleichbleibender Liegefläche, aber ohne Nähe. Die Freunde hatten zusammengelegt. Ein Gutschein vom schwedischen Möbelhaus. Damit würde sie zehnmal das Modell Hagali bekommen, aber es sollte diesmal etwas Besseres sein, meinten die Freunde. Etwas für die Zukunft, damit sie die Vergangenheit endlich hinter sich lassen könnte.

Innerhalb von drei Jahren musste der Gutschein eingelöst werden. Es drängte also kein Verfalldatum und Marlene konnte sich weiter der Trauer widmen. Es war Klara, die drängte, und weil Marlene dem ein Ende setzen wollte, tat sie ihr den Gefallen und fuhr an einem freien Donnerstag zu Ikea. Bis sie zu den Betten kam, musste sie den Pfeilen auf dem Boden folgen. Dabei kam sie an etlichen Wohnzimmern, Küchen und Esszimmern vorbei. Lauter kleine heile Welten, die sich glückliche Menschen nach Hause holen konnten. Marlene war nicht glücklich, und als sie endlich bei den Betten angelangt war, suchte sie nach Hagali, um ihren Schmerz noch etwas zu vertiefen. Der wurde dann unerträglich, als sie erfahren musste, dass das Modell aus dem Programm genommen worden war. Sie stolperte an Nordli, Säbovik, Lauvik und Tarva vorbei und blieb bei Dunvik stehen. Ein graues Bett in einem konsequent grau gehaltenen Musterschlafzimmer. Wände, Fußboden, Schrank, Fußbank, Vorhänge, Bettwäsche und die Attrappe einer Zimmertür. Alles grau. Mag sein, dass es die passende Farbe zur Stimmung war, die Marlene die Hemmung nahm, sich in dieses Bett zu legen. Ausgestreckt lag sie auf dem Rücken. Sie wählte die rechte Seite. Tobens Seite. Aus den geschlossenen Augen lösten sich Tränen. Über die Schläfen suchten sie sich ihren Weg, um schließlich in einer Bettwäsche zu versickern, die ihr nicht gehörte.

Sie traute sich nicht die Augen zu öffnen, als sie spürte, dass sich jemand neben sie gelegt hatte.

»Ich bin Sören.«, sagte eine männliche Stimme. Marlene drehte ihren Kopf nach links.

»Ich könnte mir vorstellen, hier unsere Hochzeitsnacht zu verbringen.«

Wir gelähmt lag Marlene neben dem fremden Mann. Hagali und Toben waren nicht mehr in ihrem Kopf, dafür machte sich Panik breit. Mag sein, dass die dafür verantwortlich war, wie gelähmt liegen zu bleiben. Vielleicht aber auch dieses Lächeln, das so gar nichts Bedrohliches hatte.

»Was meinst du?«

Marlene schloss die Augen für einen kurzen Moment. Es blieb dabei. Da lag weiterhin dieser Sören an ihrer Seite. Sie sprang auf, schlug mit der Handtasche in die Kuhle, die sie hinterlassen hatte, und schrie, ob er nicht alle Tassen im Schrank habe. Normalerweise wäre ihr ein besserer Spruch eingefallen, und sie ärgerte sich darüber. Auf die wegweisenden Pfeile achtete sie nicht mehr, als sie das Möbelhaus fluchtartig verließ.

Klara wollte nur wissen, wie dieser Sören aussah.

»George Clooney in Jung, also ich wäre liegengeblieben!«

Marlene aber lag weiter auf ihrer Matratze. An Toben dachte sie nicht mehr, dafür an Sören.  Trotz der fehlenden Tassen im Schrank.

Sie träumte von ihm, sie wachte mit Gedanken an ihn auf, sie nahm ihn mit zur Arbeit und wieder nach Hause, sie joggte mit ihm durch den Park und nahm ihn abends mit ins Bett.

»Du warst zur rechten Zeit am rechten Ort …«, schimpfte Klara, woraufhin sich Marlene eine Woche Urlaub nahm, das bunte Sommerkleid anzog, das sie bei der Bettensuche getragen hatte, und sich auf den Weg zum rechten Ort machte. Das tat sie zwei Tage lang, saß auf der grauen Fußbank und wartete. Den verbleibenden Tagen wollte sie keine Hoffnung mehr einräumen. Mit hängendem Kopf und im bunten Sommerkleid und nur, weil Klara aufs Durchhalten bestand, schleppte sie sich an Tag drei abermals ins schwedische Möbelhaus. Um die Mittagszeit hatte sie endgültig keine Lust mehr, aber Hunger. Sie ging ins zugehörige Restaurant, wo die Gerichte ähnlich klangen wie die Möbel. Grönsaksbullar sagte sie so lange tonlos vor sich her, bis sie an der Reihe war. Ganz kurz schaute sie auf und dann war alles weg. Sie hätte Gemüsebällchen sagen können, aber auch das ging nicht mehr, denn hinter der Theke stand der Mann, für den sie das bunte Sommerkleid trug.

»Ich meinte das ernst«, sagte er mit dem Lächeln, das sich in Marlenes Träumen festgesetzt hatte. Mit zwei Portionen Grönsaksbullar und schwedischem Bier suchten sie sich einen Tisch, wo sie ungestört sein konnten. Marlene zitterte und Sören trug das Tablett. Die ersten Grönsaksbullar rollten ihr von der Gabel. Sören stand auf, nahm ihren Kopf in die Hände und küsste sie auf den Mund. Das dauerte ziemlich lange, danach sagte er, es kurz machen zu wollen, und Marlene erfuhr, dass er Maximilian hieß, Maximilian Seidel und der Küchenchef vom Möbelhaus war.

Es dauerte ein knappes Jahr, da wurde aus Marlene Krüger eine Marlene Seidel. Es kamen viele Gäste, die Anzahl hätte man nicht als Kerzen auf der dreistöckigen Hochzeitstorte unterbringen können, die Klara gebacken hatte. Und so fiel es auch gar nicht auf, als zur späten Stunde Maximilian Marlene bei der Hand nahm und sie nach draußen auf die Straße zog. Dort wartete ein Taxi. Das brachte sie zum Ikeahaus, das angestrahlt blau und gelb im Gewerbegebiet lag. Beim Wareneingang trug Maximilian Marlene durch eine kleine, unverschlossene Tür über die Schwelle. Marlene lachte und Maximilian musste sie ständig küssen wegen des Lärms, der sie verraten hätte. Er kannte sich aus. Marlene eilte ihm hinterher, den Rock vom weißen Brautkleid mit beiden Händen angehoben. Dunvik befand sich noch immer im grauen Musterzimmer, nur die Bettwäsche war eine andere. Maximilian hob Marlene hoch und legte sie wie etwas leicht Zerbrechliches genau an der Stelle ab, wo er sie vor einem guten Jahr gefunden hatte.

»Du hast nicht alle Tassen im Schrank«, sagte Marlene.

»Da hast du vollkommen recht, dafür aber Gläser und eine Flasche Champagner!« Die holte er aus dem grauen Kleiderschrank und ließ den Korken knallen.

»Auf uns …!«

»So, jetzt ist gut Maximilian, mehr war nicht abgemacht!«

Security konnte Marlene auf dem Rücken seiner Uniform lesen, als er sich umdrehte und davonging.

 

 

 

 

 

 

 

 

April

 

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Es ist das vierzehnte Mal, dass wir Ostern in Italien feiern. Auch wegen der Hoffnung, auf das bessere Wetter. Heute Morgen hatte es geregnet.

Es ist schon einige Jahre her, dass wir mit einem Bauern ins Gespräch kamen, der meinte, dass es an einem der Osterfeiertage immer regnet. Seit er denken kann. Der Bauer war achtzig Jahre alt. Bisweilen hat er Recht behalten …

 

Ostermontag waren wir wandern im Hinterland von Urbino. Wir waren ganz alleine unterwegs, trafen keine Menschenseele, denn die waren offensichtlich alle in dem Universitätsstädtchen mit viel geschichtlichem Hintergrund (Federico da Montefeltro). Das ließ sich am Parkplatzmangel ausmachen, als wir nach zweieinhalb Stunden Traumlandschaft noch ein wenig Kultur und ein „Gelato“ zu uns nehmen wollten. Wir umfuhren auf der Suche nach einem Parkplatz die Stadt, entfernten uns beträchtlich (mein Mann plädierte für den direkten Nachhauseweg) und kamen dann irgendwo illegal zum Stehen. Man kann von einer zweiten Etappe sprechen (zwar ohne Rucksack und Wanderstöcken), bis wir den Palazzo Ducale erreichten und eins mit der Menschenmenge wurden. Die Museen hielten sich an den Montag. Ich nahm Nocciola, Stracciatella und Pistacchio …

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Unser Kirschbaum blüht!

Unser Kirschbaum blüht jedes Jahr, aber nicht in jedem Jahr folgt der Blüte eine Ernte. Das kann an den Zuhause gebliebenen Bienen liegen, weil ihnen zu kalt war (heute brummte es im Baum und ich freue mich, dass überhaupt noch Bienen da sind!) oder am Röteln, wenn die  erst erbsengroßen Kirschen schon Farbe bekommen oder an den Amseln, die ihre Nester bevorzugt in baumnähe bauen, damit der Fressplatz nur zwei Flügelschläge entfernt liegt.

Im letzten Jahr haben wir das Netz, das man zur Olivenernte unter den Bäumen ausbreitet, über die reifenden Früchte geworfen. Die Amseln haben geschimpft! Und was ist jetzt ein Rohrspatz?

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Die Japaner haben Zen-Gärten. Die Japaner harken mit bedächtigem Tempo Linien in den Kies. Das ist Meditation.

Wir haben auf unserem Grundstück am Haus in Italien viel Kiesfläche. In unserem Kies macht sich Unkraut breit. Und weil ich das Übel mit der Wurzel fassen möchte (bin gegen Chemieeinsätze), lege ich Hand an. Sobald die Sonne die Steine erwärmt, sitze ich stundenweise auf meinem Hintern und zupfe. Das ist für mich Meditation. Die Leute, die am Grundstück vorbeikommen (es sind glücklicherweise wenige), wissen nicht, dass ich meditiere. Die halten mich für …

Wir haben 45 Olivenbäume.

Die meisten davon haben wir als kleine Ruten mit etwas Geäst vor zwölf Jahren selbst in die Erde gebracht. Mittlerweile haben sie sich zu richtigen Bäumen entwickelt, und wenn mein Mann im Frühjahr zum Schnitt ansetzt, ist das für mich meist ein Grund zur Besorgnis. Da liegen Berge von Ästen am Boden, wie beim Frisör die Haare.

Ich darf nichts sagen, das ist sein Revier. Das Redeverbot kompensiere ich gerne mit Poesie.

 

MEIN MANN DER SCHNEIDET DIE OLIVEN … wo ist nur der Baum geblieben!

Ich fürchte um die gute Ernte, weil er soviel Geäst entfernte.

Ich sollte doch Vertrauen haben, es sei auch nicht zu meinem Schaden.

Das Öl wird sprudeln, du wirst sehn,

und jetzt wird’s  Zeit, du solltest gehn.

 

Dem Baum auf dem Foto wird ein Alter von 200 – 250 Jahren nachgesagt. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er auf einem etwa zwanzig Kilometer entfernten Feld.

Warum steht er jetzt hier?

Nachzulesen in „Zuweilen singt die Callas“ Seite 214, Amicizia – Freundschaft.

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Dreieinhalb Stunden brauche ich mit dem Zug nach Mailand.

Da muss ich nicht lange nachdenken, solche unkomplizierten Kurztrips gönne ich mir zwischendurch. Die werden noch wertvoller, wenn man auf eine liebe Freundin trifft. Also zwei Frauen – zwei Tage Milano. Albrecht Dürer war auch da, den haben wir uns natürlich angeschaut. Wunderbar!

Aber auch die Klosterkirche San Maurizio hat uns begeistert, worauf wir einen Cappuccino im historischen Caffè Marchesi (man erlebt eine kleine Zeitreise!) getrunken haben. Dieses Flair wurde auch entlang des Corso Magenta noch bedient und wir haben so manche Türglocke zum Läuten gebracht, weil wir es nicht lassen konnten, in die kleinen Geschäfte mit den einladenden Schaufenstern auch reinzugehen.

Um die Kirche Sant’ Ambrogio herum überraschte uns ein kleiner Kunsthandwerkermarkt „Flora et Decora“, wo unter anderem auch Blumen verkauft wurden, die so richtig Frühlingslaune machten, als die Sonne endlich rauskam, nachdem sie uns bisweilen nicht unerheblich im Stich gelassen hatte. In der Abteilung „Decora“ fanden wir außergewöhnliche Ohrringe. Wir hatten die Qual der Wahl und schließlich Schmuck im Kästchen. Das Hauptmaterial war Rochenhaut. Meine Freundin mag keinen Fisch. Aber vielleicht macht es doch einen Unterschied, ob er auf dem Teller liegt oder am Ohr hängt!

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Ohhh, … ihr habt das aber schön!

 

Das sind die Ausrufe unserer vielen Besuche, die bevorzugt im Sommer eintreffen. Dann liegt das Frühjahr schon hinter uns, die Rückenschmerzen sind weggeturnt, die Fingernägel vom Permanentschmutz befreit und nachgewachsen und die Kratzer auf der Haut verheilt.

Noch stecken wir mittendrin, arbeiten uns parzellenweise voran, schneiden, zupfen, hacken, graben, vertikutieren, düngen, spritzen und entsorgen, was sich dabei so alles auftürmt. Es ist ein alljährlicher Wettlauf gegen die explodierende Natur und ich sehne mich nicht selten nach einem übersichtlichen Reihenhausgärtchen.

Wenn wir es dann aber geschafft haben (zumindest was den Großeinsatz angeht), dann sitzen wir nach den harten Wochen auf der Westterrasse bei einem Gläschen Wein, schauen der dahinschwindenden Sonne zu,  und sagen uns:

Oh, … wie haben wir das aber schön!

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Wir sind Schönwetterwanderer.

Und da das Wetter in Italien ziemlich oft schön ist, sind wir auch ziemlich oft unterwegs. Der Apennin liegt quasi vor der Haustür. Ich will nicht behaupten, er sei unser Vorgarten, aber wir kennen uns darin so gut aus, wie in unserem Vorgarten.

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Es gedeiht nicht nur das Unkraut … Der Mühe Lohn hat viele Farben. Zwischendurch haben wir auch mal Zeit hinzugucken.

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Mai

 

PRIMO MAGGIO

 

Heute ist der erste Mai. Festa del lavoro. Tag der Arbeit.

Arbeit haben vor allem die Frauen, weil sie all das Essen zubereiten müssen, das an diesem Tag verspeist wird. Das ist nicht wenig, da kleckern die Italiener nicht, zumindest im übertragenen Sinne nicht. Ich weiß, wovon ich rede, wir haben nicht nur einmal diese Völlerei im großen Kreis mitgemacht. Das war in den ersten Jahren unseres Italiendaseins. Da gehörten wir noch zur Familie unseres Hausverkäufers, da wurde AMICIZIA noch großgeschrieben (die Aufkündigung der Freundschaft ist auf Seite 214 in „Zuweilen singt die Callas“ nachzulesen).

Um die Freundschaft tut es uns leid, über den wiedergewonnenen ersten Mai freuen wir uns.

„Cosa fate al primo maggio?“ Jedes Jahr fragt mich meine Nachbarin, was wir am ersten Mai machen. „Niente“, sage ich dann, …“nix“!

„Ohhh …“ sagt sie dann und das klingt immer ein bisschen traurig.

„Ist für uns nicht wichtig“, sage ich dann, damit sie keinen Grund hat, traurig zu sein. Aber weil sie dann immer noch traurig ausschaut, frage ich sie, was sie am chinesischen Neujahr machen.

„Capodanno cinese?“ da würden sie nix machen, sei für die Italiener nicht wichtig.

Und so erkläre ich ihr jedes Jahr, dass für uns der erste Mai nicht wichtig ist.

Gestern habe ich sie wieder fragen müssen, was sie am chinesischen Neujahr machen …

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Gestern kam ich aus Berlin.

Heute stand ich in Italien im Garten und in der Küche. Mehr Kontrastprogramm geht nicht. Meine braun verfärbten Finger werden mich noch ein paar Tage an meinen Einsatz erinnern. Das Zucken (eine Begleiterscheinung, wenn man hundertfünfzig Artischocken entblättert) wird morgen verschwunden sein.

Die Italiener verhalten sich in Sachen Artischocken, wie wir Deutschen beim Spargel. Man tobt sich in der Saison aus.

Ich bin froh, dass unsere Haupternte schon unter Öl liegt. Der Winter kann kommen. Aber jetzt freue ich mich erst einmal auf den Sommer …

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Die Oliven blühen.

ich will nicht behaupten, dass wir das ignorieren. Aber wir haben es uns über die Jahre abgewöhnt, immer wieder die Bäume abzugehen, um die Vorfreude auf eine gute Ernte zu schüren. Zwischen der Blüte und der Ernte liegen gute fünf Monate und die Hoffnung am Ende möglicherweise brach. Abgesehen davon, dass nicht aus jeder Blüte ein Früchtchen wird, kann es zu Kälteeinbrüchen kommen oder es mangelt an Wasser oder, und dabei handelt es sich um den wiederlichsten Zwischenfall, die Olivenfliege sticht zu. Sie kommt nicht alleine, bringt jede Menge Kollegen mit und die bohren emsig Löcher in die schon zu unserer Freude gut entwickelten Oliven und legen Eier ab. Vor zwei Jahren fielen nach der Invasion alle Oliven von den Bäumen und die Ernte aus. Emotional (im positiven Sinne) reagieren wir nur noch, wenn das Öl in Dosen ist. Vorher üben wir uns in Gleichgültigkeit. Fast …

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Ich habe mich noch nie über Asphalt gefreut.

Geht aber. Freue mich über jeden laufenden Meter, der sich hier in Italien über die Schlaglöcher legt. Die Rechnung über 400 € für die Reparatur eines angeschlagenen Radlagers steigert meine Emotionen (neue Straßenbeläge betreffend) ins Unermessliche. Dass sich auf dem frischen Anthrazit noch keine weißen Markierungslinien befinden … also diesbezüglich bin ich ziemlich emotionslos!

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