Die Hitze hatte nun auch das Schlafzimmer erreicht. Ein fensterloser Raum, in dem das Tageslicht keinen Zutritt hatte, es aber auch den unerträglichen Temperaturen bisweilen schwer gemacht wurde, einzudringen. Clara saß auf der Bettkannte und wollte daran glauben, dass die Abwesenheit von Licht Kühle hinterlassen könnte. Im Mietvertrag wurde von einem halben Zimmer gesprochen, eine rein rechtliche Angelegenheit, da es keinen Blick nach draußen gab. Dreiundvierzig Quadratmeter für vierhundertsechzig Euro kalt. Mehr wollte sich Clara nicht leisten. Eine Übergangslösung ohne an Zukunft zu denken, nachdem das Zusammenleben mit Leo ein ‒ zumindest für sie ‒ unfreiwilliges Ende genommen hatte.

Dass es keinen Blick nach draußen gab, störte Clara momentan wenig. An Draußen mochte sie gar nicht denken, denn seit vier Wochen brannte die Sonne gnadenlos vom Himmel und heizte die Stadt ein. Der Schweiß rann in Bächen an ihrem Rücken herunter, das dünne Sommerkleid mit dem großen Blumenmuster klebte auf der Haut. Apathisch starrte sie auf die restlichen Umzugskartons, die noch dort herumstanden, wo sie sie vor gut einem Jahr abgestellt hatte. Bisweilen vermisste sie den Inhalt nicht, Leo allerdings vermisste sie immer noch. Der wird sie mittlerweile vergessen haben, die Frau, die für eine Physikerin viel zu sexy sei, wie er sagte, die das Zeug zum Model hätte, wenn sie denn über die richtige Größe verfügen würde. Leo, der Optimierungsfanatiker, der als frischgebackener Volljurist sofort eine Anstellung bei einer Großkanzlei bekam. Leo, der es liebte, Lücken zu finden. Nicht nur in Gesetzen. Und Leo fand Anne. Und Anne war groß.
Frischer Wind für Ihr Zuhause
In blauen Lettern diagonal aufgedruckt. Der gehörte nicht zu ihren Kartons, stand eingeklemmt in der unteren Reihe und war ihr bisher gar nicht mehr aufgefallen. Clara musste allerdings nicht lange grübeln, erinnerte sich an das Umzugschaos vor einem guten Jahr und an den Mann in der gelb-roten Jacke von DHL. Der Nachbar von oben sei nicht da, ob sie … Clara wollte nicht diskutieren und krakelte ihren Namen auf das verkratzte Display. Warum hat der Nachbar das Paket nie abgeholt? Würde es nach so langer Zeit überhaupt noch abgeholt werden?
Frischer Wind für Ihr Zuhause
Den konnte sie gebrauchen. Generell. Sie barg ihr schweißnasses Gesicht in beiden Händen. Gibt es in solchen Fällen eine Verjährung? Gehört das Paket möglicherweise schon mir? Leo könnte ihr die Frage sicherlich beantworten. Leo. Der Weltschmerz legte sich über die offene Frage und gerne hätte sie jetzt mit Cordula telefoniert, aber die befand sich gerade konsequent offline zur Sommerfrische an der Ostsee. Cordula hätte die rechten Worte des Trostes gefunden, war damals die Klassenbeste in Deutsch, erkannte aber keinen Sinn darin, den freien Fall einer Handtasche von einem dreiundvierzig Meter hohen Turm mittels Diagramm und Gleichung zu bestimmen. Clara dagegen kümmerte sich mit Leidenschaft um die Berechnung der Geschwindigkeit und Beschleunigung in Abhängigkeit der Zeit. Sie waren die Gegensätze, die sich anzogen. Bis heute. Zum Schweiß gesellten sich Tränen und als auch noch die Nase anfing zu laufen, schnäuzte sie in den feuchten Rock ihres Sommerkleides und rutschte auf Knien auf das Paket zu.
Dr. Elias Machold
Sie hatte nie aufs Klingelschild geschaut, überhaupt kannte sie kaum jemanden in diesem Mehrfamilienhaus. Ein Doktor, dachte sie, einer, der auch nicht viel Geld für die Miete aufbringen möchte. Clara versuchte den Anfang des Klebebands zu erwischen, aber mit den verschwitzten Fingern funktionierte das nicht. Erst als sie das Küchenmesser einsetzte, klappte es und sie erkannte gleich, nachdem sie das Styropor entfernt hatte, dass es ein Ventilator war. Sie freute sich so sehr darüber, dass die Besitzerfrage zur Nebensache wurde. Vier Geschwindigkeitsstufen, den Schwenkmodus stellte sie aus und verharrte mit geschlossenen Augen in dem erlösenden Luftstrom.
Es dauerte, bis sie das Klingeln bemerkte. Unwillig erhob sie sich von ihrem Bett und schlurfte zur Haustür. Sie musste ihren Kopf in den Nacken legen, um mehr zu sehen, als eine kakifarbenen Shorts über deren Bund ein ungebügeltes T-Shirt hing. Weiter oben sah sie die Hand, die mit einem Zettel winkte und dann kamen die dunklen Locken und ein sympathisches Lächeln im braungebrannten Gesicht.

„Muss hier abgegeben worden sein für … Entschuldigung, Elias Machold aus dem Dritten … allerdings vor einem Jahr!“ Aus dem Lächeln wurde ein Lachen.

„Zwölf Monate Afrika. Ärzte ohne Grenzen.“ Vor zwölf Monaten hätte die Luft genauso gestanden wie heute. Bevor der bestellte Ventilator kam, sei er schon weggewesen. Ein kurzfristiger Abruf von langer Dauer.

Clara wollte ihm erklären, dass Luft nicht wirklich steht, wegen der Moleküle, die immer in Bewegung sind, hätte aber nicht viel geholfen, sich vor einem Geständnis zu drücken. Rückwärts trippelte sie in ihre Wohnung zurück und hatte nichts dagegen, dass der Nachbar aus dem Dritten folgte. Bis ins halbe Zimmer folgte er ihr, in dem der Ventilator summte und Clara zeigte auf das verstreute Verpackungsmaterial.

»Gerade erst ausgepackt, ich dachte an Verjährung.«

Das Lachen vom Doktor war ansteckend und Clara hatte das Gefühl, überhaupt von ihm infiziert worden zu sein. Eine Blitzinfektion, die die Symptome des schlechten Gewissens aus dem Weg geräumt hatten. Sie stand im Luftstrom, der gegen die aufsteigende Hitze von innen nichts ausrichten konnte und der Nachbar aus dem Dritten schaute auf die teils verzerrten, großen Blumen, unter denen sich Claras Körperformen abzeichneten.

»Ich bin zwar kein Jurist, aber ich glaube, Eigentum bleibt immer Eigentum, es sei denn es verpflichtet. In diesem Fall habe ich allerdings das Gefühl, dass es hier in die Pflicht genommen werden sollte.“ Er stellte sich neben Clara in den kühlenden Luftstrom und Clara war froh, dass er kein Jurist war.

»Kommt bei Ihnen oben überhaupt was an?«

»Elias ist schon ok. Und nein, oben kommt nichts an.«

»Dann lass uns setzen.« Sie zeigte auf das Bett im Rücken. »Ich bin Clara.«

Ohne sich anzuschauen saßen sie da, den Blick auf den Ventilator gerichtet. Der Großteil der Luft blies zwischen den beiden hindurch, aber keiner dachte ans Zusammenrücken und so war es der Schwenkmodus, der es möglich machte, den Abstand aufrechtzuerhalten.

»Ein ganzes Jahr lang verbrachte dein Paket zwischen meinen Kisten.«

»Und deine Kisten? Stehen die aus Solidarität hier noch rum?«

Der Ventilator bewegte sich hin und her, wie die Köpfe der Zuschauer bei einem Tennismatch. Die Köpfe der beiden blieben starr nach vorne gerichtet, während Clara anfing, von ihren Kisten zu erzählen. Sie hörte gar nicht auf, redete immer noch, als schon der Lichtstreifen verschwand, der vom kleinen Flur ins halbe Zimmer fiel.

»Und du? Wie schaut dein Leben aus?«

Unabgesprochen drehten sie sich die Gesichter zu und unabgesprochen rückten sie im Schutz der Dunkelheit näher zusammen und wieder ganz ohne Absprache fanden sich die Lippen und Clara musste sich gedulden, etwas über Elias‘ Leben zu erfahren.

Clara war geduldig. Sehr sogar. Die Ganze Nacht war sie geduldig und erst, als sie vom Schnurren des Ventilators geweckt wurde, fragte sie: »Und dein Leben? Wie schaut dein Leben aus?«

Das war ein bewegtes Leben mit kurzen Unterbrechungen, eins, dem gerade eine Unterbrechung zustand, eins, das in drei Monaten in Asien seinen Einsatz finden würde.

Clara drehte sich weg und zog das Leintuch über ihren nackten Körper.

»Hey, ich bin doch noch nicht aus der Welt!« Elias rüttelte sanft an ihrer Schulter und Clara zog sich das Leintuch über den Kopf.

»Jetzt bin ich erstmal im Dritten. Du weißt ja, wo du klingeln musst.« Er zog sich an und dann die Tür hinter sich zu.

 

Clara klingelte eine Woche lang nicht. Warum auch. Asien lag ja nicht um die Ecke. Als es anfing zu regnen, klingelte sie. Wegen der Nachricht im Briefkasten. Den Ventilator darfst du behalten. Elias  Eine Handschrift wie sein Lächeln.                                                                                                                        Clara klingelte mit dem Ventilator unterm Arm. »Ich mag ihn nicht behalten,« sagte sie »vielleicht kannst du ihn in Asien gut gebrauchen.«

»Würdest du mitkommen?«

»Nach Asien? Spinnst du?«

»Gepackt hast du doch schon.« Er grinste.

»Ich kenne dich doch kaum …«

»Ich dich auch nicht. Eine Woche kein Klingelzeichen, … ich glaube, wir haben beide gelitten.«

»Und was soll ich dort machen?«

»Die Dinge fügen sich, du solltest gar nicht darüber nachdenken.«

Als Physikerin glaubte Clara nicht an Fügung, trotzdem nahm sie seine ausgestreckte Hand und kurze Zeit später halfen auch keine Formeln mehr.

Elias hatte Recht. Gepackt hatte sie ja schon.