Marlene hatte neunundzwanzig Gäste eingeladen. Mit ihr waren es dann so viele wie Kerzen auf der Torte, die Klara für sie gebacken hatte. So was machen beste Freundinnen. Die trösten nicht nur bei Liebeskummer. Wäre Toben noch an ihrer Seite, hätte sie nur achtundzwanzig Einladungen verschicken dürfen. Eine Regel aus Kinderzeiten, von der sie sich niemals verabschieden möchte.

Toben hatte sich verabschiedet. Der schlingt seit einem halben Jahr seine starken Arme, die so unerwartet zärtlich sein konnten, um eine Sarah. An dem Tag, als Toben seine letzten Sachen abholte, hatte Marlene Hagali zertrümmert. Hagali von Ikea war das erste Möbelstück ihrer ersten gemeinsamen Wohnung. 140×200. Die richtigen Maße für gewünschte Nähe.

Seitdem schläft Marlene auf der Matratze. Bei gleichbleibender Liegefläche, aber ohne Nähe. Die Freunde hatten zusammengelegt. Ein Gutschein vom schwedischen Möbelhaus. Damit würde sie zehnmal das Modell Hagali bekommen, aber es sollte diesmal etwas Besseres sein, meinten die Freunde. Etwas für die Zukunft, damit sie die Vergangenheit endlich hinter sich lassen könne.

Innerhalb von drei Jahren musste der Gutschein eingelöst werden. Es drängte also kein Verfalldatum und Marlene konnte sich weiter der Trauer widmen. Es war Klara, die drängte, und weil Marlene dem ein Ende setzen wollte, tat sie ihr den Gefallen und fuhr an einem freien Donnerstag zu Ikea. Bis sie zu den Betten kam, musste sie, den Pfeilen auf dem Boden folgend, an etlichen Wohnzimmern, Küchen und Esszimmern vorbei. Lauter kleine heile Welten, die sich glückliche Menschen nach Hause holen konnten. Marlene war nicht glücklich, und als sie endlich bei den Betten angelangt war, suchte sie nach Hagali, um ihren Schmerz noch etwas zu vertiefen. Der wurde dann unerträglich, als sie erfahren musste, dass das Modell aus dem Programm genommen worden war. Sie stolperte an Nordli, Säbovik, Lauvik und Tarva vorbei und blieb bei Dunvik stehen. Ein graues Bett in einem konsequent grau gehaltenen Musterschlafzimmer. Wände, Fußboden, Schrank, Fußbank, Vorhänge, Bettwäsche und die Attrappe einer Zimmertür. Alles grau. Mag sein, dass es die passende Farbe zur Stimmung war, die Marlene die Hemmung nahm, sich in dieses Bett zu legen. Ausgestreckt lag sie auf dem Rücken, sie wählte die rechte Seite. Tobens Seite. Aus den geschlossenen Augen liefen Tränen über ihre Schläfen, verschwanden seitlich im straff zum Pferdeschwanz gebundenen Haar und tropften schließlich auf eine Bettwäsche, die ihr nicht gehörte.

Sie traute sich kaum die Augen zu öffnen, als sie neben sich die Geräusche vernahm und die Bewegung im Bett spürte.

»Ich bin Sören.«, sagte eine männliche Stimme. Marlene drehte ihren Kopf nach links.

»Wir sollten hier unsere Hochzeitsnacht verbringen.«

Wir gelähmt lag Marlene neben dem fremden Mann. Hagali und Toben waren kein Thema mehr, dafür machte sich Panik breit, die allerdings nicht gleich die Flucht einleitete. Da war dieses Lächeln, das nichts Bedrohliches hatte und dem die Worte folgten, es ernst zu meinen.

Bevor er weiterreden konnte, sprang Marlene auf, nahm ihre Handtasche, schlug damit in die Kuhle, in der sie gerade gelegen hatte, und schrie, ob er nicht alle Tassen im Schrank habe. Gleichzeitig ärgerte sie sich über diesen doofen Spruch, normalerweise war sie schlagfertiger, hätte gerne Eindruck hinterlassen, bevor sie, ohne auf die wegweisenden Pfeile zu achten, das Möbelhaus fluchtartig verließ.

Klara wollte nur wissen, wie dieser Sören aussah.

»Das klingt ja wie George Clooney in Jung, also ich wäre liegengeblieben!«

Marlene aber lag weiter auf ihrer Matratze. An Toben dachte sie nicht mehr, dafür an Sören, und dass er es ernst meinte. Trotz der fehlenden Tassen im Schrank, davon war Marlene weiterhin überzeugt, fing sie an, daran zu glauben, schon der Romantik wegen. Sie träumte von ihm, sie wachte mit Gedanken an ihn auf, sie nahm ihn mit zur Arbeit und wieder nach Hause, sie joggte mit ihm durch den Park und nahm ihn abends mit ins Bett.

»Du warst zur rechten Zeit am rechten Ort …«, schimpfte Klara, woraufhin sich Marlene eine Woche Urlaub nahm, das bunte Sommerkleid anzog, das sie bei der Bettensuche getragen hatte, und sich auf den Weg zum rechten Ort machte. Das tat sie drei Tage lang, saß auf der grauen Fußbank, sah den vorbeiziehenden Menschen nach und wartete. Den verbleibenden Tagen wollte sie keine Hoffnung mehr einräumen. Mit hängendem Kopf und im bunten Sommerkleid und nur, weil Klara aufs Durchhalten bestand, schleppte sie sich an Tag vier ins schwedische Möbelhaus. Um die Mittagszeit hatte sie endgültig keine Lust mehr, aber Hunger. Sie ging ins zugehörige Restaurant, wo die Gerichte ähnlich klangen wie die Möbel. Grönsaksbullar sagte sie so lange tonlos vor sich her, bis sie an der Reihe war. Ganz kurz schaute sie auf und dann war alles weg. Sie hätte Gemüsebällchen sagen können, aber auch das ging nicht mehr, denn hinter der Theke stand der Mann, für den sie das bunte Sommerkleid trug.

»Ich meine es immer noch ernst«, sagte er mit dem Lächeln, das sich in Marlenes Träumen festgesetzt hatte. Mit zwei Portionen Grönsaksbullar und schwedischem Bier suchten sie sich einen Tisch, wo sie ungestört sein konnten. Marlene zitterte und Sören trug das Tablett. Die ersten Grönsaksbullar rollten ihr von der Gabel. Sören stand auf, nahm ihren Kopf in die Hände und küsste sie auf den Mund. Das dauerte ziemlich lange, danach sagte er, es kurz machen zu wollen, und Marlene erfuhr, dass er Maximilian hieß, Maximilian Seidel und der Küchenchef vom Möbelhaus war.

Es dauerte ein knappes Jahr, da wurde aus Marlene Krüger eine Marlene Seidel. Es kamen viele Gäste, die Anzahl hätte man nicht als Kerzen auf der dreistöckigen Hochzeitstorte unterbringen können, die Klara gebacken hatte. Und so fiel es auch gar nicht auf, als zur späten Stunde Maximilian Marlene bei der Hand nahm und sie nach draußen auf die Straße zog. Dort wartete ein Taxi, das brachte sie zum Ikeahaus, das angestrahlt in Blau und Gelb im Gewerbegebiet lag. Beim Wareneingang trug Maximilian Marlene durch eine kleine Tür, die nicht abgeschlossen war, über die Schwelle. Marlene lachte und Maximilian musste sie ständig küssen wegen des Lärms, der sie verraten hätte. Er kannte sich aus, Marlene eilte ihm hinterher, das weiße Brautkleid mit beiden Händen angehoben. Dunvik befand sich noch immer im grauen Musterzimmer, nur die Bettwäsche war eine andere. Maximilian hob Marlene hoch und legte sie wie etwas leicht Zerbrechliches genau an der Stelle ab, wo er sie vor einem guten Jahr gefunden hatte.

»Du hast nicht alle Tassen im Schrank«, sagte Marlene, »und deswegen liebe ich dich über alles und noch viel mehr!«

»Da hast du vollkommen recht, dafür aber Gläser und eine Flasche Champagner!« Die holte er aus dem grauen Kleiderschrank und ließ den Korken knallen.

»Auf uns …!«

Die Küsse schmeckten besser, als Champagner. Dann traf sie der Lichtkegel einer Taschenlampe.

»So, jetzt ist gut Maximilian, mehr war nicht abgemacht!«

Security konnte Marlene auf seinem Rücken lesen, als er sich umdrehte und davonging.