Heute waren wir in Pescara.

Nicht, weil die Stadt eine Reise wert wäre, sondern, weil sie einen Flughafen hat und wir dem Besuch zugesagt hatten, ihn abzuholen. Die Ankunftszeit kam uns entgegen, ein ganzer Tag lag vor uns, den wir den Abruzzen widmen wollten. Wir fuhren vierzig Kilometer über die Flughafenstadt hinaus, wegen der Trabocchi, den Pfahlbauten die man einst ins Meer gesetzt hatte, um den Fischfang zu optimieren. Einige wurden über die Jahre zweckentfremdet. Jetzt sitzt man drinnen und ißt Fisch. Wir auch. Um das Menü kam man nicht herum. Drei Stunden, dreizehn Gänge, die letzten vier haben wir uns einpacken lassen. Der Wein war inclusive. Zum Sightseeing waren wir nicht mehr in der Lage. Während wir im Auto den Ankunfstzeiten entgegenschliefen, zog ein ordentliches Gewitter über uns hinweg. Wir erzählten dem Besuch, dass das der Grund gewesen sei, warum wir nicht mehr von den Abruzzen mitnehmen konnten. Finde ich gar nicht so unrealistisch …

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Heute habe ich Rosen geschnitten.

Das werde ich auch morgen tun und übermorgen und … Wir haben viele Rosen in unserem Garten in Italien. Wenn sie blühen, können wir uns daran sattsehen. Wenn sie verblüht sind, gibt es richtig Arbeit. Nicht wie in den Rosamunde Pilcher Filmen (die schauen wir uns gelegentlich auf italienisch zum Sprachtraining an), wo die Hausherrin mit Strohhut auf dem Kopf und Körbchen in der Hand über den taufrischen Rasen schreitet und zum Schnitt ansetzt. Ich bin mit der Schubkarre unterwegs und träume lediglich vom Buttler, der mir eine Tasse Tee vorbeibringt. Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken …

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Heute habe ich Gäste.

Ich brauche Seeteufel, möchte ihn frisch kaufen, mache mich am Morgen auf den Weg. Der direkte ist gesperrt, weil ein schweres Einsatzfahrzeug all das abschneidet, was an Vegetation auf die Fahrbahn ragt. Ich ignoriere das Durchfahrtverbot, verlasse mich auf mein deutsches Nummernschild, aber man nimmt keine Rücksicht, ob ich nun verstehe oder nicht: ich werde ausgeschimpft. Im nächstgelegenen Supermarkt gibt es keinen Seeteufel. Ich fahre weiter, wegen der Erdbeeren zum Nachtisch vom Bauern, will aber vorher noch tanken, weil mir das mein Mann aufgetragen hatte. Die Schlange an der Tanke reicht schon knapp auf die Straße, ich würde also als nächste den Verkehr zum Erliegen bringen und beschließe die Sache mit dem Benzin auf der Rückfahrt zu erledigen. Der Bauer hat keine Erbeeren mehr, “devi venire presto la mattina” und weil der frühe Morgen aber schon um ist, fahre ich ein Stück weiter zur bekannten Gärtnerei, weil mir eine Geranie fehlt. Hier würde ich auch am frühen Morgen kein Glück mehr haben, es gibt einfach keine Geranien mehr. Auf der Rückfahrt steht ein alles einnehmender LKW an der Tankstelle. Dann hat mein Mann eben Pech gehabt, denke ich und bin glücklich im übernächsten Supermarkt auf Seeteufel zu stoßen. Am anderen Ende der kleinen gesperrten Straße (sie bedeutet eine enorme Abkürzung für den Nachhauseweg!) steht kein Schild mehr, aber ein Lieferwagen. In der Annahme, dass man mit der Säuberung schon durch sei, setze ich den Blinker, aber der Mann vom Lieferwagen winkt ab und erklärt mir die Alternative. Die kenne ich und weil auf der Strecke viel Zeit zum Nachdenken bleibt, fällt mir ein, dass ich von der Nachbarin noch Eier mitnehmen könnte. Die Nachbarin ist nicht da …

Ich weiß, das hätte mir auch überall auf der Welt passieren können, aber es ist mir in Italien passiert. Mein italienischer Alltag eben …

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Mein Freund der Baum ist tot …

Die Aprikosen liegen auf der Wiese. Er hat es nicht mehr geschafft, sie zur Reife zu bringen. Monilia heißt die Krankheit, auf deutsch Spitzendürre. Ein Glas der geliebten Aprikosenmarmelade vom Vorjahr steht noch im Regal. Ein Andenken, das wir sparsam auf den Frühstücksbrötchen verstreichen werden.

… er fiel im frühen Morgenrot … sang Alexandra. Bei uns wird er im Herbst fallen und uns im Winter ein paar Tage wärmen, wenn wir im Kamin die Feuerbestattung vornehmen.

Du wirst dich nie im Wind mehr wiegen …

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Was heißt eigentlich besucherfreundlich?

Meist handelt es sich um Gebäude, die besucherfreundlich gestaltet sind. Vor drei Tagen habe ich in unser Gästeapartment reingeschaut. Eigentlich musste ich nicht reinschauen, weil mir vor der Tür schon klar wurde, was mich drinnen erwarten wird. Manchmal freut man sich, wenn Erwartungen erfüllt werden. Aber eben nicht immer. Bis heute habe ich daran gearbeitet, all das zu entfernen, was sich dort über die Wintermonate eingenistet hatte. Ein Haus muss bewohnt werden, sonst verkommt es.

Morgen kommt Besuch.Der bewohnt dann, was ich besucherfreundlich gestaltet habe …

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Trotz angesagtem Besuch: es muss weitergehen …

Während das Ossobuco für den Abend im Ofen schmort (das darf es Gott sei Dank über zwei Stunden), fuhren wir heute mehrmals zum Wertstoffhof centro di riciclaggio und haben die erfrorenen Teile des Oleanders säckeweise in dem dafür vorgesehenen Container entsorgt. Mein Mann säubert die Büsche unermüdlich. Die Hoffnung, dass die Äste mit dem braunen Blattwerk nach dem Schnee im Winter sich im Frühjahr wieder ins Leben zurückmelden, starb dann wirklich zuletzt. Unser mediterranes Buschwerk schaut jetzt amputiert aus, bemüht sich aber am Restgeäst um Blüten. Die Hoffnung stirbt doch zuletzt …