Von der Raststätte Hockenheimring Ost bis über die Ausfahrt Speyer hinaus sprachen wir kein Wort. Das waren vierzehn Minuten. Ich wollte ihm gerade erklären, dass Karl nie über Speyer hinausgefahren sei wegen seiner Stammtankstelle in Günzburg an der Ulmerstrasse (wir befahren seit über dreißig Jahren ausschließlich den Radius einer halben Tankfüllung), als er mich fragte, ob ich auch eine Zigarette wolle. Das R rollte dabei ganz fremd. Ich lachte etwas erschrocken und schlug mir die Hände vor den Mund, als ich ihm sagte, dass ich gar nicht rauche. Er aber fummelte sich ungeniert eine Zigarette aus der Brusttasche seines mit Tigern gemusterten Hemdes und zündete sie an. Ich sagte ihm, dass in Karls Auto noch nie geraucht wurde, und er sagte mir, dass ihm das scheißegal sei. Die erste Asche schnippte er auf die Mittelkonsole.

Ich spürte einen Anflug von Protestbereitschaft, den ich unterdrückte, so wie ich auch wortlos hinnahm, als er vor vierzehn Minuten an der Raststätte bei mir einstieg. Einfach so. Karl war nur mal zur Toilette gegangen. Der Schlüssel steckte. Und plötzlich saß der Tigermann neben mir. Drehte den Schlüssel um und fuhr los. Ich schrie nicht. Ich schimpfte nicht. Ich heulte nicht. Ich hatte keinen Funken Angst. Wenn ich überhaupt ein Gefühl hatte. Ich saß stumm neben ihm. Bis zu dem Zeitpunkt mit der Zigarette.

Wo er denn überhaupt hinwolle, fragte ich und rutschte in eine bequemere Sitzhaltung. Das ginge mich gar nichts an, aber auf jeden Fall einfach nur weg.

Und was mit mir passieren solle, fragte ich. Der Tigermann zuckte mit den Schultern, öffnete das Fenster und schnippte die ausgerauchte Zigarette in den Fahrtwind. Ich war mir erst nicht ganz sicher, aber dann drehte ich mich doch um und sah, dass der glühende Stummel auf Karls Mantel lag.

Karl. Ohne Mantel und ohne Auto.

Was er wohl dachte, als er feststellen musste, dass wir beide nicht mehr da waren? Das Auto und seine Frau.

Er müsse mal langsamer fahren, sagte ich zum Tigermann, seine Zigarette brenne gerade ein Loch in Karls Mantel, und das müsse ich ersticken.

Ich öffnete den Gurt und drückte mich zwischen den beiden Sitzen nach hinten. Dabei berührte ich den Tigermann, was auf Grund meiner Leibesfülle nicht zu umgehen war. Ich spürte seine Körperwärme. Ein schweißgesättigter Dunst, der mich wie gebannt verharren ließ, bis er mich fragte, ob ich nun ihn oder den Brandherd ersticken wolle.

Mit meiner Handtasche (Karls Geschenk zum Fünfzigsten) schlug ich auf die schwelende Stelle, bis ich nichts mehr aufglimmen sah.

Ob er keinen Mantel habe, fragte ich ihn. Jetzt sei doch Winter. Mit der zweiten Zigarette zwischen den Lippen nuschelte er ein Doch. Aber nicht hier.

Ich heiße Rita, sagte ich ihm, nachdem ich wieder angeschnallt an seiner Seite saß.

Rasvan.

Das R rollte mehr als bei „Zigarette“.

Aus welchem Land er denn käme, das R klänge so nach Balkan.

Rrrromania … rollte es aus seinem Mund. Da hatte ich also recht. Schade, dass Karl das nicht mitbekommen konnte!

Eigentlich müssten wir jetzt in Speyer bei Karls Schwester Waltraud sein, sagte ich ihm. Sie sei Donnerstag 70 geworden. Die Feier wäre aber auf das Wochenende verlegt worden. Im Kofferraum sei ein Frankfurter Kranz. Karls Lieblingskuchen. Für Waltraud müsse ich jedes Jahr Karls Lieblingskuchen backen, erklärte ich Rasvan aus Rumänien. Dann schaute ich verträumt in eine schmutzige Winterlandschaft, die schon ein gutes Stück hinter Speyer lag.

Ich fühlte mich so wohl dabei, und das konnte nicht nur daran liegen, dass Waltraud mir nicht wie jedes Jahr ihre Krampfadern zeigen konnte.

Der aufheulende Motor war es, der mich aufschreckt. Ich kippte nach links und prallte gegen Rasvan.

So schnell sei Karl noch nie gefahren, sagte ich ihm und klammerte mich am Armaturenbrett fest.

Dann erst hörte ich Karls Handy. Gedämpfte Martinshorntöne kamen aus seinem angesengten Mantel.

Ob er bitte langsamer fahren könne, bat ich ihn, ich müsse das Handy von der Rückbank holen.

Bestimmt Karl, sagte ich ihm. Karl rufe bei sich an. Ich lachte.

Den „Bullen-Klingelton“ fand Rasvan verfickt, das Handy riss er mir aus der Hand, der Rest war rumänisch. Dann zündete er sich wieder eine Zigarette an.

Karl habe bestimmt mit mir sprechen wollen. Er könne sich doch gar nicht vorstellen, was passiert sei.

Ich solle endlich mit diesem Karl aufhören, der ginge ihm langsam auf den Sack, und jetzt brauche er ein Bier und Zigaretten.

Wir fuhren auf die Raststätte Wonnegau bei Worms.

Ich solle mit ihm gehen und die Schnauze halten. Aber was hätte ich denn auch sagen wollen.

 

Karl würde nie Alkohol trinken, wenn er Auto fahre.

Noch einmal KARL und ich sei draußen.

Dabei waren wir noch gar nicht wieder drin, und ich fragte ihn, ob er ein Stück vom Frankfurter Kranz wolle.

Rasvan stand im Tigerhemd in der Kälte, trank Bier aus der Dose und rauchte.

Ich solle mal zeigen. Also machte ich den Kofferraum auf und hob den Deckel vom Tortenwunder.

Der Frankfurter Kranz habe nicht den geringsten Schaden genommen, sagte ich stolz, trotz der Raserei. Alle kandierten Kirschen befänden sich noch an Ort und Stelle.

Das war ihm wieder scheißegal, ich solle ihm einfach ein Stück geben.

Das dauerte ihm dann wohl zu lange, weil ich nicht wusste, wie ich das ohne Messer machen sollte. Er griff kurzerhand in den Kuchen und brach sich ein Stück heraus. Eine kandierte Kirsche rollte auf Karls Autodecke.

Ich war erst etwas beleidigt, weil ich mir doch solche Mühe gegeben hatte. Aber dann brach ich mir auch ein Stück heraus. Wir gruben unsere Finger abwechselnd in den ruinierten Geburtstagskuchen. Der Krokant machte knackende Geräusche zwischen den Zähnen. Die Hände waren buttercremeverschmiert.

Gut, sagte Rasvan.

Ich schwebte. Von dieser Leichtigkeit ließ ich mich ins Auto zurücktragen und sie half mir zu ignorierte, dass Rasvan seine klebrigen Hände im Autositz abwischte. Die meinen leckte ich ab und rieb mit einem Erfrischungstuch aus dem Handschuhfach hinterher. Erst dann griff ich nach dem Gurt. Dessen Unversehrtheit war mir offensichtlich immer noch wichtiger, als meine Sicherheit. Wir befanden uns schon längst wieder im fließenden Wochenendverkehr, während ich die optimale Gurtlänge zurecht zog und am Verschluss fummelte.

Ich sei einfach zu dick, ob er das auch so sehe.

Das sei ihm egal.

Dass es ihm nicht scheißegal war, ließ mich weiterschweben. Karl war das auch egal. Aber eben anders. Karl waren unpünktliche Mahlzeiten nicht egal.

Rasvan rauchte. Ich schaute ins Neuland, was mich allerdings flach und langweilig etwas enttäuschte.

Einige Felder lagen unter weißer Plastikfolie.

Spargel.

Spargel mit Kochschinken, Pellkartoffeln und Buttersoße . Keine Experimente, sagte Karl jedes Jahr.

Für mich fing das Jahr immer mit dem Spargel an. Von da an wiederholte sich alles.

Ob er weißen Spargel möge, fragte ich Rasvan.

Fleisch, … er zeigte auf den LKW der vor uns fuhr und Schweine geladen hatte.

Am Sonntag!

Vorsicht lebende Tiere war auf einem Schild zu lesen. Das verstand ich nicht, wo man doch auf dem Weg zum Schlachthof war.

Ich würde Spargel gerne einmal anders kochen, sagte ich Rasvan.

Dann mach doch…

Ob ich eine Zigarette dürfe, … ich überraschte mich selbst. Rasvan lachte und warf mir die Packung auf den Schoß.

Ich zündete sie etwas ungeschickt mit dem Zigarettenanzünder an. Sie schmeckte scheußlich, und der Rauch brannte auf der Zunge.

Ich müsse tief einatmen, sagte Rasvan, nahm sich auch eine und machte einen kräftigen Zug. Die Glut an der Spitze leuchtete auf.

Ich tat, was Rasvan sagte. Der Husten wollte gar nicht aufhören.

Karls Duftbäumchen pendelte im Dunst am Rückspiegel.

Wie es mit Geld sei, fragte Rasvan. Wegen Tanken.

Wie weit er denn noch fahren wolle. Ich rauchte tapfer weiter.

In Koblenz wohne Monika.

Ein giftgrünes Banner zwischen zwei entlaubten Birken gespannt forderte eine Grünbrücke für Wildtiere.

Ob man mehr Rücksicht auf mich nehmen würde, wenn ich ein Tier wäre …?

Geld, … oh, da müsse ich nachschauen. Ich jedenfalls hätte nur wenig im Portemonnaie. Aber Karl vielleicht …

Ich drückte meine Zigarette in den Aschenbecher und zog den Mantel vom Rücksitz. Da steckte tatsächlich seine Brieftasche drin. Karls Brieftasche in meinen Händen! Mir war nach einer zweiten Zigarette.

95 Euro, sagte ich, das wäre zu wenig.

Das reiche zum Tanken.

Ich aber wollte mehr.

Wir sollten nach Koblenz fahren, sagte ich zu Rasvan. Dort gäbe es sicherlich eine Sparkasse und Monika wohne in Koblenz. Eine Cousine.

Die Geheimzahl für die Automatenkarte sei im Handy als Telefonnummer gespeichert. Rasvan schaute mich kurz von der Seite an und verzog die linke Mundhälfte zu einem Lächeln. Ich nahm zufrieden eine aufrechte Haltung an.

Bitte nehmen Sie die Ausfahrt, verkündigte ich mit abgehackter Navigatorenstimme kurz vor der Abfahrt nach Koblenz Metternich.

Rasvan tat, was ich ihm sagte.

1000 Euro konnten wir abheben. Ich gab ihm die Hälfte, und dann war er auch schon weg. Ich wollte ihm noch hinterher rufen, dass er Karls Mantel behalten könne, aber das hätte er bestimmt nicht mehr gehört.

Zu Monika nahm ich ein Taxi.

 

Dienstag klingelte Karls Handy das auf dem Nachtschränkchen in Monikas Gästezimmer lag. Es war die Polizei aus Günzburg. Karls Auto habe man in Antwerpen gefunden.

In Antwerpen war ich noch nie. Antwerpen klingt gut. Vielleicht fahre ich nächste Woche mit Monika mal hin.